Gefährlich für wen?
21. Januar 2012 · Von ulp · Rubrik: Aktuell, Gesellschaft, MedienDer „Bürger-Herold“ reibt sich jeden Tag die Augen, denn kein Tag vergeht, ohne dass Bundespräsident Christian Wulff (CDU) in den Schlagzeilen steht. Komisch, dabei redet alle Welt von der sogenannten Medienvielfalt, doch über weite Strecken offenbart sich in den Medien eine Art Schwarmintelligenz, ein journalistisches Jekami, bei der jeder ins gleiche Journalistenhorn bläst.
Welch ein Unsinn!
Wir bleiben bei den Medien. Manche sehen sich genötigt, eine Verteidigungsrede in eigener Sache anzustimmen. An sich keine schlechte Sache, besonders dann, wenn Versuche unternommen werden, die Rechte der Medien einzuschränken. Dann ist es richtig, darauf hinzuweisen, wie wichtig die Medien in einer Demokratie sind. In dieser Beziehung hat Christian Wulff als Bundespräsident einen Riesenfehler begangen, indem er Deutschlands grösste Boulevard-Zeitung unter Druck setzen wollte.
Wie sieht so eine Verteidigungsrede aus? Zum Beispiel so, wie man sie in der „Welt“ unter den Titel „Ohne Boulevardpresse ist die Demokratie in Gefahr“nachlesen kann:
Sie sind populistisch, laut und gnadenlos – aber ein Land ohne Boulevardzeitungen wäre eintönig und diktatorisch wie Nordkorea,
steht bereits im Vortext. Nun ja, Matthias Heine vertritt eine Meinung. Vielleicht muss Heine diese Meinung vertreten, gehört doch die „Welt“ zum selben Medienimperium wie die Bild-Zeitung. Meinungen sind Meinungen, aber sie können richtig oder falsch sein. Aber im Prinzip vertritt dieser Meinungsmacher eine populistische Rhetorik, als wenn nur die populistische, laute und gnadenlose Boulevardpresse der Siegelbewahrer der Demokratie wäre. Gäbe es sie nicht, muss man diesem Zitat entnehmen, würde sich Bundesrepublik von Nordkorea nicht unterscheiden. Welch ein Unsinn!
Bild: Boulevardmedien stellen für die Demokratie keine notwendige und hinreichende Bedingung dar (Bildmontage: Bürger-Herold”)
Ein einzigartiges Konstrukt
Auch sonst scheint der gesamte Meinungsbeitrag ein Konstrukt zu sein, zum Beispiel:
Denn wer sich eine Welt ohne Boulevardmedien wünscht, will eine Welt, in der der einfacher gestrickte Teil der Bürger von vielen Informationen ausgeschlossen wäre.
Woher will Matthias Heine das überhaupt wissen? Ach so, Heine will den „einfach gestrickten Teil der Bürger“mit einfach gestrickten Informationen versorgen. Damit meint der Autor wohl die Mischung aus Wahrheiten und Halbwahrheiten, aus Sex, Sport, Promiwelt, rot eingefärbten Blutbildern und für die Seele noch ein paar Hunde- und Hochzeitsbilder. Und nicht zu vergessen: Zwischen einfach gestrickten Informationen tummeln sie hie und da Politiker von Rang und Namen, ,um die „einfach Gestrickten“ zu erreichen.
Doch nicht nur deshalb sind Boulevardzeitungen für Demokratien unerlässlich. Sondern auch, weil sie auf eine ruppige Weise egalitär sind,
schreibt der Autor. Der „Bürger-Herold“ sagt es mal so: Boulevardzeitungen sind für eine Demokratie keine notwendige und hinreichende Bedingung. Das Umgekehrte ist der Fall, denn dass Boulevardzeitungen in dieser Form existieren und einfach Gestricktes verbreiten können, ist den freiheitlichen Prinzipien der Demokratie zu verdanken. Darum ist es unsinnig, wenn sich Boulevardzeitungen als Hüter der Demokratie aufspielen.
Noch mehr Unsinn
Im „Tagesspiegel“ aus Berlin werkelt ebenfalls ein journalistischer Naseweis am Image des Journalismus. Matthias Kalle erklärt den Journalismus neu, indem er die Meinung verbreitet, Journalisten würden auch nur ihren Job machen. So meint er weiter:
Die Medien verschweigen kaum etwas, vor allem nicht die Wahrheit. Es gibt auch kein Geheimwissen, das Journalisten für sich behalten, weil dieses Wissen sonst die öffentliche Ordnung gefährdet. Es gibt auch keinen Kampagnenjournalismus, keine Chefredakteursverschwörungen und keine Agenda, nach denen Journalisten eine Welt herbeischreiben würden, die es gar nicht gibt.
Der „Bürger-Herold“ ist baff und scheint in den letzten zwanzig Jahren etwas verpasst zu haben.