Merkel und die Zukunft
31. Dezember 2010 · Von ulp · Rubrik: PolitikWie üblich kursieren Weihnachts- und Neujahrsansprachen teilweise oder ganz im Vorfeld des jeweiligen Ereignisses. So auch die diesjährige Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Dies ist auch gut so, weil man sich heute Abend ihre Ansprache aus der Konserve sparen und sich deshalb angenehmeren Dingen zuwenden kann.

Aus dem Skizzenbuch des “Bürger-Herold”: Fussball ist Merkels Speck fürs Volk (© ulp)
Merkels Neujahrsmix
Die Medien berichten bereits ausgiebig über die Merkel-Rede, so auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die gleichzeitig den Volltext publiziert. Der „Bürger-Herold“ erspart sich die Frage, ob er lachen oder weinen soll. Ihre Neujahrsrede 2009 sagte üble Monate für das Jahr 2010 voraus. Ihre neuste Neujahrsrede gaukelt vor, „Deutschland habe die Krise nicht nur gemeistert, sondern sei gestärkt aus ihr hervor gegangen“.
Da kann der „Bürger-Herold“ trotz allem beruhigt sein, selbst wenn er in der Neuen Zürcher Zeitung liest, trotz wirtschaftlicher Stärke würden Staat und Markt auf einen Kollaps zusteuern. Nein, wünschen kann man es der Bundesrepublik nicht, weil nicht nur für Deutschland viel auf dem Spiel steht.
Andererseits kann der „Bürger-Herold“ Merkels Worten nicht vertrauen, weil ihre Rede wie so oft eine Mischung aus PR, unangebrachtem positivem Denken, Floskeln, Textbausteinen und Unverbindlichkeiten besteht. Rätselhaft und urkomisch, warum die Kanzlerin mitten in ihrer Rede plötzlich über Fussball spricht.
Merkel und der Philosoph
Der „Bürger-Herold“ springt zum vorletzten Absatz ihrer Rede:
Der Philosoph Karl Popper hat gesagt: „Die Zukunft ist weit offen. Sie hängt von uns ab, von uns allen.“ Lassen Sie uns in diesem Sinne mit Ideen, mit Neugier, mit Leidenschaft und mit dem Blick für den Nächsten die Lösung neuer Aufgaben anpacken.
Das Popper-Zitat ist nicht falsch, aber es ist unvollständig. Richtigerweise lautet es:
Die Zukunft ist weit offen. Sie hängt von uns ab; von uns allen. Sie hängt davon ab, was wir und viele andere Menschen tun und tun werden; heute und morgen und übermorgen. Und was wir tun und tun werden, das hängt wiederum von unserem Denken ab; und von unseren Wünschen, unseren Hoffnungen, unseren Befürchtungen. Es hängt davon ab, wie wir die Welt sehen; und wie wir die weit offenen Möglichkeiten der Zukunft beurteilen.
“Wir” und “Wir” ist nicht dasselbe
Was können wir aus dem Vergleich Merkel – Popper lernen? Was Merkel sagt ist zwar hübsch aber inhaltslos. Karl Popper nimmt es als Philosoph wesentlich genauer, indem er auf einige, durchaus plausible Randbedingungen hinweist.
Die Politik, auch die der Merkel-Regierung, wird sich jedoch davor hüten, unter „Wir“ das ganze Volk zu verstehen. Sie versteht unter „Wir“ das „Wir“ der Regierenden und jener Kreise, die die Politik wesentlich beeinflussen. Das Volk gehört nicht dazu. Damit bekommt das vollständige Popper-Zitat eine weitere Bedeutung. Und dies beunruhigt, denn es handelt sich um das „Wir“ der Macht. Aber diese ist unzulänglich und irreführend, wie die Praxis – und dies nicht nur in Deutschland – Tag für Tag zeigt.