Katholischer rechtsfreier Raum?

21. Februar 2010 · Von · Rubrik: Gesellschaft, Kultur

Es müsste gerade für Katholiken sehr erschütternd sein, wie sich die katholische Kirche bezüglich pädophiler Priester verhält. Driftet katholisches Kirchenvolk und seine kirchliche Obrigkeit auseinander? Lebt die katholische Obrigkeit in einem rechtsfreien Raum?


Ausschliessliche Zuständigkeit?

Ob die von die katholischen Theologin Uta Ranke-Heinemann geheimen Schreiben tatsächlich so geheim sind, ist fraglich. Jedenfalls kann man den lateinischen Text von “De delictis gravioribus” im Vatikan nachlesen. In diesem Schreiben, 2001 unterschrieben vom damaligen Kardinal Ratzinger, heisst es tatsächlich:

“Haec tantum, quae supra indicantur delicta cum sua definitione, Congregationis pro Doctrina Fidei Tribunali Apostolico reservantur”

Als Nichtlateiner locker übersetzt: Solche Delikte[1] fallen ausschliesslich in die Zuständigkeit des Apostolischen Tribunals der Glaubenskongregation[2]. Das fast vierzig Jahre ältere geheime Schreiben, 1962 unterzeichnet von Kardinal Ottaviani hat der “Bürger-Herold” in den Weiten des Internet gefunden (lateinische Fassung), jedoch macht es eine private englische Übersetzung leichter, falls ein Leser Interesse daran hat[3]

Aus dem Diesseits der Gegenwart

Katholische Kirche und sexuelle Übergriffe an Kinder durch geistliche “Würdenträger” – dies scheint ein Dauerthema zu sein[4][5][6][7]. Nicht zuletzt deshalb, weil mehr und mehr ans Tageslicht gelangt.

Nein, es sind nicht Horrormeldungen aus dem finsteren Mittelalter, die für Empörung sorgen, sondern Meldungen aus dem Diesseits der Gegenwart. Mal stammen die Meldungen aus den USA, dann aus Südamerika und schliesslich aus europäischen Ländern.

Sicherlich, Pädophilie ist kein ausschliessliches Problem der katholischen Kirche. Aber wenn katholische Kirchenvertreter permanent mit erhobenem Zeigefinger Moral verkündend durch die Gegend rennen, dann sind hinter ihrer Glaubwürdigkeit eine Menge Fragezeichen zu setzen[8].

Schadensbegrenzung und Relativierung

Derzeit sind katholische Institutionen um Schadensbegrenzung bemüht, damit die ohnehin schon lädierte Glaubwürdigkeit nicht total zerbröselt. Der Augsburger Bischof Walter Mixa, nach der Glaubwürdigkeit der katholischen Institution befragt, weicht aus und ist im Interview mit der Augsburger Allgemeinen um Relativierung bemüht:

 

Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig.

 

Mixa hat also die Mitschuldige gefunden: es ist die “sexuelle Revolution”, wobei “nicht unschuldig” etwas besser tönt als schuldig[9]. Doch Mixas Argument ist nicht sehr stichhaltig, weil der sexueller Missbrauch von Kindern die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet. Nur: Institutionen, wie Kirchen, Machtzirkel oder sonstige “ehrenwerte” Gesellschaften, haben es immer wieder verstanden, Missbräuche in den eigenen Reihen der Öffentlichkeit gegenüber zu verheimlichen[10][11].

Dem Zeitgeist aufgesessen?

Ob die Kirche die Täter in den eigenen Reihen systematisch schützt, schliesst selbst Walter Mixa nicht aus:

Ich schließe natürlich nicht aus, dass auch in der Kirche mancher Verantwortliche in der Vergangenheit gegenüber Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen zu blauäugig war und unberechtigter Weise auf eine Besserung des Täters in einem anderen Aufgabenfeld gesetzt hat. Da sind kirchliche Verantwortungsträger möglicherweise auch einem Zeitgeist aufgesessen, der selbst im Bereich des staatlichen Strafrechts Resozialisierung statt Strafe propagierte.

Was wäre, eine Frage die sich der “Bürger-Herold” stellt, wenn die Missbrauchsfälle – global gesehen – nicht an die Öffentlichkeit gelangt wären? Das Schweigen ginge weiter, auch dann, wenn einige Täter innerkirchlich diszipliniert worden wären.

Vatikanische Anweisungen

Die katholische Theologin Uta Ranke-Heinemann sieht im Focus-Interview Gründe des kirchlichen Schweigens, indem sie sich auf zwei geheime Schreiben beruft, welche

die „ausschließliche Kompetenz des Vatikans“ in Pädophiliefällen.

betonen.

Gleichzeitig werden alle Bischöfe unter Strafe der Exkommunikation aufgefordert, alle Missbrauchsfälle ausschließlich und nur an den Vatikan zu melden, was zu einer totalen Justizbehinderung für die staatlichen Gerichte führt.

Damit entzieht sich die katholische Kirche – was eigentlich nicht überrascht – der Rechtsstaatlichkeit eines demokratischen Staates. Die ausschliessliche Zuständigkeit des Vatikans hiesse nichts anderes, dass ein Vorfall seitens der Kirche lokal nicht geahndet werden kann, sondern zunächst einmal durch die ganze Hierarchie nach oben ans Tribunal gereicht wird.

Fussnoten:

  1. Gegen das Sechste Gebot – darunter die Pädophilie
  2. hier noch eine englische Übersetzung
  3. The 1962 Vatican Instruction “Crimen sollicitationis”
  4. Pädophiler Pfarrer von Riekofen angeklagt
  5. Bürger von Riekofen fühlen sich getäuscht
  6. Einfach nichts gesagt
  7. Justizminister wirft Kirche “Vertuschungsmentalität” vor
  8. Warum Missbrauch in der Kirche?
  9. Seine Peinlichkeit
  10. So schweigsam sind Mauern
  11. „Katholische Kirche ist größte Schutzorganisation für Pädosexuelle“

Tags: , , , ,

Keine Kommentare möglich.