Wirklichkeitsspuren

13. November 2009 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, Wirtschaft

Dass die Banken eine der Ursachen der Finanzkrise sind, darüber müssen wir nicht streiten. Wir leben in einer Welt von Ursachen und Wirkungen, geradezu in einem Wirrwarr von Verknüpfungen. Und in diesem Wirrwarr spielt der Staat eine erhebliche Rolle.

An schwachen Stellen aufgebohrt

Der “Bürger-Herold” gehört nicht zu den fleissigen Lesern von Klaus Stöhlkers Blog. Aber manchmal stolpern wir hinein. So schreibt er:

Eine der hübschesten Varianten ist die Behauptung, die Finanzkrise beruhe auf Staatsversagen, weil die staatlichen Aufsichtsbehörden es versäumt hätten, der UBS und anderen Banken rechtzeitig einen Riegel vorzuschieben. An dieser Stelle wird vergessen, dass in den USA (dort vor allem), wie bei uns in Europa, die Banken sehr heftig lobbyiert haben, und nicht ohne Erfolg, die ihnen gesetzten Schranken senken zu dürfen

Was Stöhlker mit “hübsch” meint, lassen wir einmal offen. Dass die Banken eine der Ursachen der Finanzkrise sind, darüber müssen wir nicht streiten. Wir leben in einer Welt von Ursachen und Wirkungen, geradezu in einem Wirrwarr von Verknüpfungen. Und in diesem Wirrwarr spielt der Staat seine Rolle. Wenn, darüber müssen wir auch nicht streiten, “die Banken sehr heftig lobbyiert haben” (natürlich nicht nur sie, sondern auch andere Wirtschaftunternehmen und –verbände), so spricht das dafür, dass sie den Staat an seinen schwachen Stellen aufbohren wollen.

Regierung ist die Schwachstelle

Doch was heisst Staat? Dem “Bürger-Herold” ist dieser Begriff in diesem Zusammenhang zu allgemein, denn bekanntlich gehören die Bürger ebenso zum Staat. Präziser wäre, wenn wir von der Regierung sprechen würden. Sie ist in erster Linie der massgebliche Ansprechpartner für Lobbyisten, manchmal auf  Umwegen. Ist die Lobbyarbeit mit Blick auf die Finanzkrise erfolgreich gewesen, dann war es die Regierung, die den Lobbyisten zum Erfolg geholfen hat. Aus dieser Perspektive sind die Regierenden zum Mitverursacher und Mitverantwortlichen (der Finanzkrise) geworden.

Warum die Welt sich den von Stöhlker zitierten Satz von Karl Heinz Bohrer merken soll, die Sloterdijksche Semantik habe gegenüber der Frankfurter Semantik den grossen Vorteil der Wahrnehmung von Wirklichkeitsspuren, ist dem “Bürger-Herold” nicht ganz klar. Etwa deswegen, weil der Philosoph Peter Sloterdijk unbequem und unkonventionell ist? Sloterdijk ist zur Zeit aus verschiedenen Gründen umstritten, eine Debatte ist über ihn und mit ihm ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachzulesen. Von dort stammt auch Karl Heinz Bohrers Originalsatz

So phantastisch die Sloterdijksche Semantik oft sein mag, sie hat gegenüber der Frankfurter Semantik den großen Vorteil der Wahrnehmung von Wirklichkeitsspuren.

Sloterdijk ist einer von vielen

Dem Originalsatz stimmt der “Bürger-Herold” nicht zu. Es braucht eben nicht nur Peter Sloterdijk, um auf “Wirklichkeitsspuren” zu stossen. Das bewirken Philosophen  der Frankfurter Schule ebenso, manchem Bürger gelingt es sogar ohne Philosophie. In Peter Möllers Philolex befindet sich ein markanter Satz zum Thema Frankfurter Schule (zitiert ohne Zusatz-Links):

Die Vernunft, die einst eine aufklärerische Rolle gespielt habe, sei in der modernen Welt zu einer instrumentellen Vernunft verkommen. Unter zunehmendem Verlust der Individualität würden die Menschen zu Vollzugsorganen und Objekten einer wissenschaftlich-technischen Naturbeherrschung und einer zunehmend bürokratisierten Welt.

Man sollte sich den Satz zuerst auf der Zunge zergehen lassen, damit er besser ins Denken einfliessen kann. Dieses Zitat deutet eine Vielzahl von Wahrheitsspuren an, wie die Welt heute funktioniert, hautnah z. B. in Deutschland oder der Schweiz erlebbar. Manchmal sind es Wahrheitsspuren von Wahrheitsspuren, nicht selten sogar mehr als Spuren. Der Satz zur Sloterdijkschen Semantik tut so, als wenn die Frankfurter Schule die “Wahrnehmung von Wirklichkeitsspuren” nicht kennt. Man muss sich den Satz zur Sloterdijkschen Semamntik nicht unbedingt merken, denn er könnte von den Wirklichkeitsspuren ablenken.

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