Politiker – Sprachpendler

7. Februar 2009 · Von · Rubrik: Politik

Realitäten sind greifbar und nachprüfbar. Wenn nicht, dann müssen wir die Realität in die virtuelle Welt rüberschaufeln. Das gilt auch für die Politik.

Nagel nicht getroffen

Morgen kommt es an den Tag, ob sich das Schweizervolk für oder gegen die Personenfreizügigkeit entscheidet. Wie auch immer: Die Einen werden sich freuen, die Anderen ärgern Doch wir wollen uns jetzt nicht dem Dafür und Wider widmen, aber einem Kommentar von Iwan Städler im Tages-Anzeiger. Genauer geht es uns um Städlers Kommentar und nicht um den plötzlichen Wandel vom Chaos- zum Satirentheater[1], den er beschreibt. Iwan Städler kommentiert:

[...] Die Politik lebt davon, dass mit offenem Visier über Realitäten gestritten wird. Mit dem Internet ist es nun aber möglich, virtuell und anonym «Fakten» zu produzieren, die man anschliessend real bekämpfen kann. Das ist Gift für die Demokratie. [...]

Vermutlich will Städler den Nagel auf den Kopf treffen. Aber er trifft daneben. Nun gut, Städler könnte in journalistischer Manier dafür plädieren, das Internet zu verbieten oder es zu ignorieren. Damit wäre man einigen Müll los und die Politik könnte unter Ausschluss des Internet ihre “Fakten” bekämpfen oder befürworten. Der politische Streit, etwa in einer Diskussionsrunde, ist eine Realität, weil man den Streit sehen, hören oder lesen kann. Doch deren Inhalte sind oft virtuell.

Nur ein Mittel: Nachprüfen

Bezüglich der politischen Streitinhalte müssen wir unsere Beurteilungsfähigkeit einsetzen, ob sie real oder virtuell sind. Realitäten sind greifbar und nachprüfbar, obwohl der Aufwand manchmal gross sein kann. Wenn nicht, dann müssen wir die angebliche Realität in die virtuelle Welt rüberschaufeln. Die Virtualität täuscht im Prinzip, weil sie eine Existenz (Wahrheit, Realität) vorgibt, die nicht vorhanden ist. Virtualität ist eine Scheinwirklichkeit, von der viele Zeitgenossen glauben, sie sei Realität.

Man sollte nicht meinen, virtuelle Welten seien die Domänen von Computern und Internet. Solche Welten sind viel älter, wie es beispielsweise alle Religionen zeigen: Deren Exponenten sind zwar real, aber deren Inhalte virtuell. Nicht ganz so krass ist es in der Politik, denn dort finden wir inhaltlich so eine Art Mischwelt vor, bestehend aus Realität und Virtualität. Man kann dies bei politischen Kämpfen sehr gut beobachten, wie Politiker ihre Denkvorgänge durch den Mixer jagen und dabei fest behaupten, dies sei die Realität. Das Internet ist eine Kommunikationsschiene wie Radio, Fernsehen, Zeitungen oder Parteiveranstaltungen, wo man Informationsquellen findet. Die Quellen und deren Urheber sind zu prüfen.

Die Sprache der Politik

Ja, und schliesslich erhebt sich die Frage, woher das “Gift für die Demokratie” stammt. Dieses Gift hat wenig mit der Verbindung von “virtuell und anonym «Fakten»” im Internet und dem real politischen Kampf zu tun. Das Wesentliche spielt sich in den Köpfen ab, deren Inhalte kommuniziert werden. Dazu schreibt Claude Longchamp in Zoon Politicon:

[...] Genau darüber, füge ich bei, wird man sich angesichts der drastisch sichtbar gewordenen Veränderungen in der Kampagnenkommunikation nach der Abstimmung vertieft Gedanken machen müssen. [...]

Unserer Meinung nach betrifft dies nicht nur die “Kampagnenkommunikation” sondern die politische Kommunikation generell. Sie hat eine Sprache angenommen, die nicht selten zwischen politischer Korrektheit, Neusprech[2], ideologischer Verbissenheit, passenden Verklausulierungen, Verdrehungen, Virtualität, Realität und demokratischem Gift hin- und herpendelt.

Fussnoten:

  1. Echtes Rabentheater
  2. Neusprech

Tags: ,

Keine Kommentare möglich.