Ludwig Erhard für die Welt?
31. Januar 2009 · Von ulp · Rubrik: Politik, WirtschaftDie deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist geradezu besessen, der Welt die Soziale Markwirtschaft zu “verkaufen”.

Ludwig Erhard: Wohlstand für Alle - Ausschnitt vom Buchdeckel. Heute wäre ein Fragezeichen angebracht (Quelle: Econ-Verlag/Ludwig-Erhard-Stiftung)
Merkel glaubt mal wider
Angela Merkel glaubt, was sie auch darf, der Welt gehe es mit der Sozialen Marktwirtschaft besser. Ein Eiertanz bleibt die Soziale Marktwirtschaft trotzdem. Der “Bürger-Herold” meint dies nicht im negativen Sinne. Wenn wir die Soziale Marktwirtschaft als Mittelweg verstehen, d. h. eine Kombination von wirtschaftlicher Freiheit und staatlicher Regulierungs- und Kontrollfunktion und der wichtigen sozialen Komponente “Wohlstand für alle”[1], dann kann man damit etwas anfangen.
Zunächst ist die Soziale Marktwirtschaft[2] eine Theorie, deren Modell nicht einzig und allein auf Ludwig Erhard[3] zurückgeht[4]. Ein bisschen viel Wikipedia-Quellen, aber sie dienen lediglich der groben Querinformation. Theorien sind mehr oder weniger Idealvorstellungen, wie viele andere Wirtschaftsmodelle ebenfall zeigen. Die Theorie ist die eine Seite, die praktische Umsetzung die andere.
Wo verläuft der Mittelweg
Die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Nachkriegsaufbau ist mit der Bundesrepublik von heute nicht vergleichbar. Dazwischen liegen 60 Jahre. Gleichzeitig sind dies 60 Jahre Umsetzung der Theorie der Sozialen Marktwirtschaft in die Praxis. Vor 60 Jahren wurde in Deutschland jeder gebraucht, um das Land aufzubauen. Von der Gegenwart kann man dies nicht mehr behaupten.
Wenn wir eingangs vereinfacht geschrieben haben, die Soziale Marktwirtschaft sei ein Mittelweg, so stellt sich die Frage, wie nah der Mittelweg an den Planken entlang läuft. Die eine Planke wäre die totale freie Marktwirtschaft und die andere die totale staatlicher Regulierungs- und Kontrollfunktion. Und die Anschlussfrage: Wo ist die soziale Komponente geblieben? Die Antworten dazu liegen in der praktischen Umsetzung.
Soziale Marktwirtschaft im Teilkoma
Die heutige Finanz- und drohende Wirtschaftkrise ist ein Resultat der Praxis. Nicht die Soziale Marktwirtschaft als Theorie, Modell oder Idee ist tot. Mehr und mehr haben unverantwortliche Menschen in der freien Marktwirtschaft mit Hilfe unverantwortlicher Staatsvertreter die Soziale Marktwirtschaft sukzessiv ruhiggestellt, in ein Teilkoma versetzt. Dies hat Entwicklungen ermöglicht, die, wenn es hoch kommt, nur noch ein paar Fetzen einer Sozialen Marktwirtschaft enthalten.
Der freie Wettbewerb werde alles richten, so der Glaubenssatz der wirtschaftlich-politisch-neolibaralen Religion. Ludwig Erhard wird immer noch gefeiert, die Soziale Marktwirtschaft hochgehalten. Trotzdem sind die Bundesrepublik und andere Staaten, die etwas von der Sozialen Marktwirtschaft halten, von der Krise hart getroffen worden. Nicht etwas darum, weil die Idee der Sozialen Marktwirtschaft versagt hat, sondern weil es Menschen aus Wirtschaft und Politik geschafft haben, in Richtung einer Asozialen Marktwirtschaft marschiert sind.
Glänzen vor der Welt
Natürlich will Angela Merkel – wie jüngst während des WEF – vor der Welt glänzen. Vielleicht sieht sie sich schon als eine Art Weltwirtschaftsrätin, als Prophetin eines neuen weltwirtschaftlichen Zeitalters. Deutschland gehe, hat Merkel mal sinngemäss gesagt, schwach in die Krise hinein und stark wieder raus. Das sind zwei Drittel des EVA-Prinzips: Eingabe, Verarbeitung und Ausgabe, wenn diese Analogie aus der Datenverarbeitung erlaubt ist. Es hat also nichts mit der neuen Weiblichkeit zu tun.
Dem Bürger-Herold” interessiert das “V” im “EVA”, die Verarbeitung. Die Verarbeitung (Umsetzung) erleben wir gerade, den hilflosen politischen Aktionismus wie auch die Therapievorschläge, ohne je zuvor in diesem Ausmass erfolgreich therapiert zu haben. Plötzlich, und dies ist der faule Zauber[5], sollen es die Staaten richten, ohne dass die Wirtschaft sonderlich aktiv, aber für Milliardenhilfen sehr empfänglich ist.
Gegen die Wand gefahren
Wenn die Bundeskanzlerin vor der Welt glänzen will, ist das dem “Bürger-Herold” egal. Aber da die Kanzlerin, obwohl wissenschaftlich geschult, keine Wirtschaftsexpertin ist, aber ganz gut eine Programmatik herunterrasseln kann, ist ihr Soziale-Marktwirtschaft-für-die-Welt-Programm kein Glanzstück. Es ist höchstwahrscheinlich parteipolitisch bedingt, weil sich die deutschen Christdemokraten als Gralshüter der Sozialen Marktwirtschaft sehen. Wie kann man ein deutsches Erfolgsmodell, wie es so schön heisst, der Welt verkaufen wollen, das in der Bundesrepublik fast gegen die Wand gefahren worden ist. Aber dies erzählt Merkel der Welt natürlich nicht.
Alle Wirtschaftssysteme sind Modelle und Theorien. Damit kann man sehr viel anfangen, wie eben auch mit der Sozialen Marktwirtschaft. Doch was nützen Theorien und Modelle, wenn sich darin Wirtschafts- und Staatsmächtige gnadenlos bewegen, deren das Soziale abhanden gekommen ist? In dieser Antwort liegen die Ursachen von Finanz- und Wirtschaftskrise, “Working Poors”, Ungleichverteilung, Armut, Hunger und von desloatem Wirtschafts- und Politikgehabe und vieles mehr.
Fussnoten: