Katholisches Krisenmanagement

28. Januar 2009 · Von · Rubrik: Kultur

Würde der Papst jetzt sagen, “OK, ich habe Mist gebaut”, dann wüsste man wenigstens einigermassen, woran man ist. Doch als oberster irdischer Heiliger darf ihm das nicht widerfahren, was sein müsste.

(Für- und Nach-)Sprecher

Dass der Vatikan angesichts der Ex-Exkommunikation des britischen Bischofs Richard Williamson, gleichzeitig Holocaust-Leugner, um Schadensbegrenzung bemüht ist, versteht sich[1]. Zuerst: Was heisst Vatikan? Der “Bürger-Herold” meint in erster Linie den deutschen Papst Benedikt XVI. und seine Kurie[2]. Was jetzt abläuft, ist so eine Art kirchliches Krisenmanagement, um einerseits die Gemüter zu beruhigen und andererseits Papst und Kurie unbefleckt zu lassen.

Würde der Papst jetzt sagen, “OK, ich habe Mist gebaut”, dann wüsste man wenigstens einigermassen, woran man ist [3]. Doch als oberster irdischer Heiliger darf ihm das nicht widerfahren, was sein müsste. Ergo müssen andere (Für- und Nach-)Sprecher hinhalten, um die hohen Wellen der Kritik zu besänftigen. Ob das Unglaubwürdige dadurch glaubwürdiger wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Beim “Bürger-Herold” jedenfalls nicht!

Aus der vatikanischen Provinz

Machen wir einen Abstecher in die vatikanische Provinz “Helvetia”, in die katholische Schweiz. Dort ist jetzt Bischof Kurt Koch, Vorsitzender der Schweizer Bischofszkonferenz, mit Wogenglätten beschäftigt. Im Interview (ganz am Ende) mit dem Blick tönt das folgendermassen:

[...] Haben Sie Verständnis für die Reaktionen von
jüdischer Seite?

Ja, ich verstehe deren Irritation und entschuldige mich bei unseren jüdischen Mitbürgern.  [...]

Irritationen?

Der “Bürger-Herold” kann nicht in die Seelen unserer jüdischen Mitbürger hineinschauen, aber wir haben nicht den Eindruck, dass sie so einfach irritiert sind. Insofern ist der Begriff “Irritation” vorerst Kochs Version. Irritation hat auch die Bedeutung von Verunsicherung oder Verwirrung, was uns zur Vermutung führt, dass in den oberen Etagen des Vatikans Irritationen vorherrschen, die in weiten kreisen Ärger und Unmut verursachen.

Dazu zwei Dinge: Wenn sich Kurt Koch entschuldigt, ist das nicht eine unbedeutende Geste. Aber im Prinzip müsste er sich nicht entschuldigen, weil er daran keine Schuld trägt, sondern jene, die zum Kreis der Urheber des weltweiten Ärgers gehören. Dies ist in erster Linie der Papst, der für das Dekret verantwortlich zeichnet.

Wenn sich Koch bei unseren jüdischen Bürgern entschuldigt, geht das für den “Bürger-Herold” in Ordnung. Aber ist es nicht auch eine Entschuldigung an Nichtjuden, das heisst an Alle wert, die sich seit Jahrzehnten redlich bemühen, handfeste Lehren aus dem Holocaust zu ziehen?

Klassische Ablenkung

Obiges Zitat geht noch weiter:

[...] Kein Verständnis habe ich aber für Reaktionen von sogenannt kritischen Theologen wie Hans Küng. Er tut so, als ob sich der Papst mit der Aufhebung der Exkommunikation definitiv mit den Traditionalisten versöhnt hätte. Dabei weiss er genau, dass das falsch ist. Er redet wider besseres Wissen. Das ist verantwortungslos. [...]

Das lässt nun doch aufhorchen. Auffälliger kann man nicht vom Thema ablenken, und dies, obwohl in der Frage nicht nach Küng gefragt wurde. Warum keine päpstliche Notbremse? Dazu Bischof Koch zwei Antworten vorher:

[...] Ich kann mir das nicht richtig erklären. Durch Indiskretion wurde im Vorfeld bekannt, dass die Aufhebung der Exkommunikation geplant sei. Dann erschien genau zu dem Zeitpunkt das skandalöse Interview von Roger Williamson. Das Dekret war wohl schon unter­zeichnet. Rom konnte oder wollte den Prozess nicht mehr stoppen. [...]

Williamson’s Ansichten nicht unbekannt

Seltsam, was Koch zu vermitteln versucht. Er erweckt den Anschein, dass das Interview nur wegen einer angeblichen Indiskretion erschienen ist. Es kann sein, jedoch lässt es sich nicht nachprüfen. Wäre die katholische Welt ohne Indiskretion und Interview in Ordnung gewesen? Wohl kaum! Der Holocaust-Leugner Richard Williamson ist kein unbeschriebenes Blatt. Im März 2008 rätselte der britische The Catholic Herold über Williamson, ob dieser ein “‘dangerous’ anti-Semite” sei, der die “Protokolle der Weisen von Zion” als wahr erachte.

Im besagten Video-Interview (hier nicht verlinkt), das unterdessen im Internet seine Runden dreht, gibt Williamson zu erkennen, dass er bereits Jahre vorher in Kanada über seine Holocaust-Lüge gesprochen habe. Wenn die Informationen über Williamson von NationMaster (sehr informativ) so stimmen, dann geht dies auf das Jahr 1989 zurück. Mit diesen und anderen Informationen wird das letzte Zitat von Kurt Koch zu einer Farce. Es ist kaum anzunehmen, dass die katholischen Verantwortlichen davon nichts gewusst haben. Wir fragen nicht, wohin die katholische Kirche führt. Aber die Frage, wohin Papst Benedikt XVI. und seine Kurie führen, sei erlaubt. Wohin?

Fussnoten:

  1. In den Schoss …
  2. Kurie
  3. Päpstliches Bekenntnis

Tags: , , ,

3 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. [...] Katholisches Krisenmanagement [...]

  2. [...] Katholisches Krisenmanagement [...]

  3. [...] Katholisches Krisenmanagement [...]