Kirchliche Christenverfolgung?
7. Januar 2009 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, Kultur“Kirchliche Amtshilfe”: Viele Fragen zur kirchlichen Vergangenheit sind noch offen.
Unrühmliche Rollen
Dass die christlichen Kirchen Deutschlands während der Hitler-Diktatur keine rühmlichen Rollen spielten, dürfte genug bekannt sein. Diese Rollen – im “Dienst des arischen Wahns” - waren sogar sehr facettenreich. Längst ist nicht alles aufgearbeitet. “Kirchliche Amtshilfe. Die Kirche und die Judenverfolgung im “Dritten Reich”, so der Titel des Buches vom Herausgeber Manfred Gailus, widmet sich einer dieser Rollen.
Ariernachweis via Kirchenbücher durch die Kirchen? Erst durch diese Kenntlichmachung sei es den Nazis möglich gewesen, lesen wir gerade in einer Buchbesprechung in der Süddeutschen Zeitung,
[...] über die etwa 500 000 “Glaubensjuden” hinaus Arier von Nichtariern zu scheiden. Zu ihnen zählten Christen jüdischer Herkunft ebenso wie “Mischlinge”. Zu Recht spricht der Herausgeber von einer “Christenverfolgung innerhalb der Kirche”. [...]
Christenverfolgung?
Der “Bürger-Herold” kann sich nicht ganz erklären, warum Carsten Dippel, der das Buch bespricht, dem Herausgeber Manfred Gailus Recht gibt, es habe sich um eine “Christenverfolgung innerhalb der Kirche” gehandelt und warum der Herausgeber Gailus in der Einleitung des Buches von einer
[...] “Christenverfolgung in der Kirche durch kirchliche Nationalsozialisten und deren Gesinnungsfreunde” [...]
schreibt. In einer längeren Buchbesprechung im September 2008 schreibt Claudia Lepp, Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte in München:
[...] Gailus‘ Charakterisierung dieser Beihilfe als „Christenverfolgung in der Kirche“ (S. 20) ist allerdings unzutreffend; sollte sie der Dramatisierung dienen, so ist eine solche gar nicht notwendig, der Vorgang ist als solcher kritikwürdig genug. [...]
Opfer- oder Täterrolle?
In der Tat findet der “Bürger-Herold” den Ausdruck “Christenverfolgung in der Kirche” ebenfalls unzutreffend, auch wenn dieser Ausdruck, wie Claudia Lepp schreibt, der “Dramatisierung” diene. Im vorliegenden Falle erhält man über den Begriff der “Christenverfolgung” den Eindruck, es handele sich ausschliesslich um eine Opferrolle der Christen. Eine unterschwellige Verniedlichung im Sinne der Kirchen? Wir lassen die Frage offen, sie ist auch eine Frage der Interpretation, wenn man beispielsweise von der Verfolgung von Christen jüdischer Herkunft sprechen würde.
Unserer Meinung nach geht es um die (Mit-)Täterrolle der Kirchen, nämlich um die Beihilfe dazu, im Sinne des Hitler-Regimes alles auszusortieren, was nicht den “arischen” Vorstellungen entsprach. Und dies hat mit Christenverfolgung im klassischen Sinne überhaupt nichts zu tun. Mit Sicherheit ist das Buch ein Baustein zur Aufklärung der Rollen, die Gottesmänner und -frauen, die es betrifft, im Soge des Rassenwahns mitgespielt haben. Trotz des Buches bleiben noch viele Fragen zur kirchlichen Vergangenheit weiterhin offen.