Arbeitslosigkeit: Augenwischerei

6. Dezember 2008 · Von · Rubrik: Armut, Wirtschaft

Und dann gibt es noch die Erwerbstätigen, die vom Einkommen aus der Wirtschaft überhaupt nicht überleben könnten – arbeitende “Arbeitslose”.

Verschleierte Wahrheiten

Wollte man – auf die Bundesrepublik bezogen – ein annähernd reales Bild der tatsächlichen Arbeitslosigkeit bekommen, dann würde der Schweiss von der Stirn rinnen. Man wäre tagelang damit beschäftig, sich die statistische Zahlen zusammenzusuchen. Denn die der Öffentlchkeit präsentierten Zahlen stellen bekanntlich nur einen Teil dar. Klar, politisch gesehen, sind vor allen Dingen die Politiker daran interssiert, sinkende Arbeitslosigkeit vorzuweisen.

Die Wahrheit, sofern sie statistisch überhaupt möglich ist, werden die Bürger natürlich nie erfahren. An der Statistik Kritik zu üben ist auch nicht einfach, weil man sich nicht nur in der Statistik auskennen muss, sondern man muss auch den Zugriff zu den Zahlen haben. Die “Zeit” zitierte vorgestern Politiker, die von “Vernebelungstaktik”, “frisierten Zahlen” und “statistische Manipulationen” sprechen. Klar, alles ist möglich, aber ist das übliche politische Gerassel.

Keine politische Angelegenheit

Ob nun, wie es im Beitrag heisst, Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) mit den Arbeitslosenzahlen trickse, sei einmal dahingestellt. Vielmehr meinen wir, dass Scholz von diesem Statistiksalat überhaupt nichts versteht. Von uns aus soll er mildernde Umstände bekommen, auch wenn es niemanden nützt. Das Problem bleibt: Die Arbeitslosigkeit ist kaum eine politische Angelegenheit, sondern eine Frage, was die Wirtschaft schafft oder vernichtet.

Der “Zeit”-Beitrag enthält zwar Kritik, aber auf die genannten Zahlen verlässt sich der “Bürger-Herold” nicht, z. B. ob etwa 1,2 Millionen Arbeitslose nicht erfasst sind oder ob es weitaus mehr sind. Das Flächendiagramm “Hohe Dunkelziffer”, das die Zeitung zeigt, sieht natürlich toll aus: Seit 2005 sinkt die Zahl der registrierten Arbeitslose “dramatisch” (graue Fläche), deren Erfolg die Regierungsparteien logischerweise für sich beanspruchen. Unsinn! Andererseits ist auch die verdeckte Arbeitslosigkeit geschrumpft (rote Fläche).

Stimme des Ökonomen

In der “Zeit” heisst es am Ende:

[...] Um ein verlässliches Bild vom Arbeitsmarkt zu bekommen, empfiehlt Bernd Fitzenberger, Ökonom an der Universität Freiburg, drei Statistiken zu betrachten: die der BA, die Erwerbslosenzahlen, die das Statistische Bundesamt nach internationaler Norm ermittelt, und die Erwerbstätigenzählung. Immerhin: “All das zusammen zeigt”, so der Professor, “dass bei aller denkbaren Kosmetik die Arbeitslosigkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren doch tatsächlich stark zurückgegangen ist.” [...]

Sowohl die Empfehlung als auch Fitzenbergers Aussage sind nicht sehr aussagekräftig, weil sie sich ausschliesslich auf den Faktor “Arbeitslosigkeit” einschiessen. Wir behaupten nicht, dies sei falsch, aber es ist unvollständig. Die Arbeitslosigkeit ist ein definierter Begriff, national wie international unterschiedlich, der auch dann seine Gültigkeit hat, wenn man ganze Gruppen aus der Statistik herausnimmt. Nur, die Gültigkeit kann faul sein.

Arbeitende “Arbeitslose”
Neue Zahlen hat der “Bürger-Herold” im Moment nicht zur Verfügung. Aber die Studie “Armut trotz Erwerbstätigkeit – Empirisches Ausmaß und sozialpolitische Schlussfolgerungen” von der Frankfurter Universität zeigt Zahlen, leider etwas veraltet, die von über zwei Millionen Erwerbstätigen in Armut sprechen. Im letzten Jahr sprach das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer Publikation von rund 2,1 Millionen (kurzzeitig) und etwa 1,3 Millionen. Wie immer die genaue Zahlen, die im Prinzip empirisch ermittelt werden, auch lauten: Sie wären die dritte Zusatzfläche in dem von der “Zeit” gezeigten Flächendiagramm.

Wichtige Aussagen bleiben unterm Tisch

So, was haben wir?: Auf der einen Seite existiert die statistische Arbeitslosigkeit, die, weil sinkend, zur Zeit vor allen Dingen eine politsche Vorzeigezahl ist. Andererseits gibt es die Anzahl der Erwerbstätigen, quasi das Gegenstück zur Arbeitslosigkeit. Die Anzahl der Erwerbstätigen ist um ein vielfaches grösser. Aber was sagt die Anzahl der Erwerbstätigen aus? Viel, wenn man genau hinschaut. In dieser Anzahl sind Erwerbstätige enthalten, die von ihrem Einkommen mittelmässig bis sehr gut leben können – der weitaus grössere Anteil. Das ist erfreulich.

Doch was ist mit dem Anteil der Erwerbstätigen, die weniger als mittelmässig vom Einkommen leben müssen? Das ist eine Gruppe, die leicht zum Opfer der Arbeitslosigkeit werden könnten. Dies ist also kein erfreuliches Erbgebnis mehr. Fitzenberger sollte sich um diese Zahlen kümmern und um weitere. Dann gibt es noch die Erwerbstätigen, die vom Einkommen aus der Wirtschaft überhaupt nicht überleben könnten, wenn der Staat nicht aufstockt. Die Wirtschaft kann anders kalkulieren, während die Betroffenen trotz Arbeit arm und zur Freude der Politik per Definition nicht arbeitslos sind. Diese Gruppe ist vermutlich nicht klein und erscheint explizit nicht in den Statistiken. Das ist zum Heulen!

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