Die Novembernacht
9. November 2008 · Von ulp · Rubrik: GesellschaftPogrom-Nacht von 1938: Die Hinterlassenschaft, die Erinnerung sind mehr als ein Erbe, das man von vorhergehenden Generationen übernimmt.
Erbe und Warnung
An Pogromen gibt es nichts zu deuten, obwohl es ein harmlos tönendes Wort ist. Noch harmloser der Begriff der “Reichskristallnacht” von 1938, der heute gedacht wird. Doch die nackte Wahrheit von beidem besteht in der organisierten Explosion der Masse gegen eine religiöse, ethnische oder nationale Minderheit. Und nicht selten ist es die scheinbar blinde Masse mit ihren Führern, die religiöse, nationale oder ethnische Gründe geltend macht, um mit Plünderung, Zerstörung oder Mord gegen Minderheiten auszuschreiten.
Wenn viele Menschen heute der Pogrom-Nacht von 1938 gedenken, so geht es um das Pogrom gegen die Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November. Diese Nacht war gleichzeitig der Auftakt zu weitaus Unfassbarerem, zum Holocaust, zur geplanten, industriell durchgeführten Ermordung von sechs Millionen Juden. Unvorstellbares wurde Wirklichkeit. Ein Teil der menschlichen Zivilisation bricht zusammen – in diesem Falle im Nazideutschland – und richtet sich, an den höheren Wert des Herrenmenschen glaubend, gegen Juden und andere Menschen, die nicht dem Nazi-Standard entsprechen.
Wenn wir diese Zeilen schreiben, können wir es immer noch nicht richtig fassen, obwohl es viele Erklärungsversuche gibt. Hannah Arendt, die jüdische Denkerin, sah unter anderem einen Grund im totalitären System. Andere sehen Gründe im Rassismus, im Antisemitismus, in der bösen Seite des Menschen, in der Gesellschaft, Religion oder Geschichte. Der überwiegende Teil unserer heutigen Gesllschaften kennt die Ereignisse von Damals nicht aus eigenem Erleben. Uns bleiben nur die Mahnmale der Vernichtung, die Orte des Grauens, Dokumente, Filme, Fotos, Bücher oder Zeitzeugenberichte.
Die Hinterlassenschaft, die Erinnerung sind mehr als ein Erbe, das man von vorhergehenden Generationen übernimmt. Es ist eine unmissverständliche Warnung für die Gegenwart und Zukunft, dass Ähnliches nie mehr geschehen darf. Oder deutlicher gesagt: Wir, wo immer wir leben, dürfen derartiges nicht mehr zulassen. Dabei darf es kein Wenn und Aber geben, wir müssen uns jedem Versuch verweigern, der auf Verfolgung oder Vernichtung Anderer hinweisen könnte. Massen lassen sich von der Macht leicht bewegen, deshalb muss unser Augenmerk sowohl der verführbaren Masse gelten und jenen, die zu den Verführern gehören.