Der Faktor Zwei
28. Oktober 2008 · Von ulp · Rubrik: WirtschaftÜber das weltweite Ausmass der Finanzkrise herrscht keine Einigkeit. Da brodelt noch was.
Neue Schätzungen
Laut Einschätzung der Bank of England, berichtet BBC News, heisst es:
[...] The world’s financial firms have now lost £1.8 trillion ($2.8 trillion) as a result of the continuing credit crisis, [...]
Das heisst, die Finanzunternehmen hätten weltweit etwa 2’200 Milliarden Euro (umgerechnete Werte) infolge der anhaltenden Kreditkrise verloren. Zum Vergleich: Dieser geschätzte Wert ist fast so hoch wie das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahre 2007 (rund 2’400 Milliarden Euro), wie man der einschlägigen Statistik entnehmen kann. Das Rettungspaket der deutschen Bundesregierung (man beachte den Vergleich zum BIP), das gerade von der Europäischen Union genehmigt wurde, beträgt rund 500 Milliarden Euro, wovon 400 Milliarden Euro als Bundesbürgschaft vorgesehen sind – der Rest ist gewissermassen die Grundwasserpumpe zur Speisung der Bankinstitute.
Sehr wackliges Terrain
Diese Schätzungen der britischen Notenbank übertreffen damit bei weitem die Schätzungen des IWF, die Ende September 2008 bei rund 1’000 Milliarden Euro lagen. Zwischen den beiden Schätzungen liegt also ein Faktor Zwei – mindestens. Aus diesem gravierenden Schätzungsungsunterschied lässt sich zweierlei ablesen. Erstens ist das wahre Ausmass der Krise, weil es sich um grosse Schätzungsunterschiede handelt, weitestgehend unbekannt. Zweitens kann man anhand der Schätzungsunsicherheit (Faktor Zwei) ablesen, auf welchem Terrain sich die Hilfsmassnahmen der einzelnen Länder bewegen, nämlich einem wackligen.
Niemand kann also abschätzen, was noch alles auf unsere Gesellschaften zukommt, denn die Hilfspakete dienen in erster Linie der Stützung der Finanzinstitute. Sind die Löcher gestopft, kann man höchstens von einem Lochstopf-Erfolg reden, aber noch lange nicht von einem wirtschaftlichen Erfolg. Damit ist das Ungleichgewicht in der Wirtschaft, verursacht durch aktuelle Schäden und die noch kommen könnten, nicht ausgemerzt. Politiker, die heute sagen, sie hätten alles im Griff, bedienen sich lieber der Rhetorik. Denn im Griff haben sie wenig, weil das Ausmass der Krise nur vage bekannt ist. Es brodelt weiter!