Aus dem Hinterwald

29. September 2008 · Von · Rubrik: Medien, Schreiber-Schlacht

Sobald Politiker in der Diskussion mitmischen wollen, riecht es nach Regulierung – europäische Parlamentarier mischen mit.

Schon wieder eine Resolution

Letzte Woche hat das Europäische Parlament eine Resolution angenommen, die Medienvielfalt zu erhalten und allen Bürgern den Zugang zu unabhängigen Medien zu sichern. Die Vorarbeit zu dieser Resolution leistete die estnische Europa-Abgeordneten Marianne Mikko (SPE-Fraktion). Nun ist aber eine Resolution nichts anderes als eine mehrheitlich beschlossene Meinungsäusserung. Wer Lust auf den Resolutionstext hat, der soll sich ihn antun. Zweimal findet das Weblog Erwähnung:

[...] AH. in der Erwägung, dass Weblogs einen wichtigen neuen Beitrag zur Freiheit der Meinungsäußerung darstellen und immer mehr von Angehörigen der Medienberufe sowie von Privatpersonen genutzt werden, [...]

[...] 25. ermutigt zu einer offenen Diskussion über alle den Status von Weblogs betreffenden Themen; [...]

Diese beiden Zitat sind zwar löblich, aber auf eine Art auch europäisches Hinterwaldverhalten. Der “Bürger-Herold” ist seit Jahren bei der Blog-Schreiberei dabei und verfolgt deshalb auch die Diskussionen über die Weblogs. Wir sagen es mal so: Weblogs praktizieren bereits freie Meinungsäusserung, ohne dies explizit zu erklären. Eigentlich phantastisch, denn die Blog-Schreiber müssen nicht auf die politsche Klasse oder journalistische Kaste warten, um den Stempel “Gut zur Meinungsfreiheit-Tauglichkeit” zu erhalten.

Ohren spitzen!

Bei der Diskussion über den Status spitzen wir die Ohren, weil damit meistens die Fragen verbunden sind, ob die Blog-Schreiber dürfen oder nicht dürfen, ob sie glaubwürdig sind oder nicht. Sobald Politiker in der Diskussion mitmischen wollen, riecht es nach Regulierung. Dazu Marianne Mikko:

[...] Ich möchte allen ganz klar sagen, dass niemand daran interessiert ist, das Internet zu regulieren. [...]

Ach was, solche Lippenbekenntnisse kann sich Mikko sparen, denn in der Praxis gibt es jede Menge “Interessenten”, die nicht nur das Internet sondern auch den Schreiber-Typus regulieren (wollen). Jochen Bittner vom Bittner-Blog (in der “Zeit”) will von Marianne Mikko folgendes erfahren haben:

[...] Ich will darauf aufmerksam machen, dass Weblogs sehr trickreich sein können. Und dass sie bisweilen problematisch agieren, wenn es etwas darum geht, Quellen zu überprüfen oder Informanten geheim zu halten. Das beunruhigt mich ein bisschen. Sie wissen doch, wie viel Macht ein Wort haben kann. Worte können Menschen töten. [...]

Im Kontext zur Resolution ist in diesem Zitat sehr wohl der heimliche Wunsch nach Regulierung vorhanden, obwohl er nicht ausgesprochen wird. Allerdings können wir ihre Beunruhigung teilen, aber nicht weil ein Blog ein Weblog ist, sondern weil Bürger ganz anderen Kalibern ausgesetzt sind, die trickreich sind, problematisch agieren und mit dubiosen Informationen und Quellen umgehen. Man ersetze das Wort “Weblog” beispielsweise durch “Politiker”, dann wissen die Leser, was wir meinen.

Wer ist was?

Sind Blogger Journalisten? Jochen Bittner beantwortet die Frage folgendermassen:

[...] Natürlich sind Blogger Journalisten, wenn sie regelmäßig und mit dem Anspruch auf Information über das Weltgeschehen berichten. Ebenso natürlich sagt das noch nichts über die journalistische Qualität ihrer Arbeit aus. In aller Regel wird die schlechter sein als die von professionellen Journalisten, weil viele Hobby-Blogger a) nicht gelernt haben zu recherchieren und zu schreiben und b) ihre Beiträge nicht von anderen Redakteuren gegengelesen und kritisch geprüft werden, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen (mindestens Punkt b gilt übrigens auch für diesen Blog). [...]

Na also, Bittner landet im alten Schemadenken, allerdings etwas differenzierter als üblich. Jetzt sind es die Hobby-Blogger, deren journalistische Qualität in der Regel schlechter sei als die von professionellen Journalisten. Hier die Guten – dort die Schlechten. Nein, so einfach ist das nicht! Die meisten Blogger (Hobby, Profi usw.), davon gehen wir aus, sind Einzelkämpfer, die in sich alles vereinen: Schreiber, Redakteur, Chefredakteur, kritische Prüfer, Verleger. Darum ist bei den meisten Bloggern alles anders. Aber nicht schlechter, wie Bittner schreibt.

Ein Vergleich: Die angebotenen Äpfel im Supermarkt sind fast makellos. Die Äpfel im Garten des “Bürger-Herold” besitzen keine schöne Oberfläche, haben hie und da Dellen oder “Sommersprossen”. Sind unsere Äpfel schlechter? Nein, sie sind anders, auch wenn sie nicht dem Supermarkt-Standard standhalten. Jochen Bittner vergleicht eine Vollredaktion einer etablierten Publikation mit bloggenden Einzelkämpfern, vergleicht einen makellosen Supermarkt-Apfel mit einer gesprenkelten Birne aus dem Garten. Wir wissen doch, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen sollte.

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