Auf Kollisionskurs

11. September 2008 · Von ulp · Rubrik: Wissen

LHC-Experiment des Cern: Selbst wenn die Wissenschaftler die Higgs-Teilchen finden, stehen die grossen Schritte für die Menschheit noch aus.

600 Millionen Mal je Sekunde

Der “Bürger-Herold” betrachtet den Milliarden verschlingenden Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider)[1][2][3] durchaus als technische Wunderwerk, im gewissen Sinne auch als Fortschritt. Doch vergessen wir nicht:  Den gesamten Ankagenkomplex bezeichnen viele zwar als Teilchenbeschleuniger, was auch stimmt. Wikipedia spricht von einem Speicherring, aber in Wirklichkeit geht es um die grösstmögliche Kollision (darum ist der englische Ausdruck “Collider” präziser). Der LHC ist eine Kollisionsmaschine, also eine Art Kanone, um die Materie in seine Einzelteile zu zerlegen, wie die einfache Animation des Cern zeigt.

600 Millionen Kollisionen in jeder Sekunde, damit verbunden die Hoffnung, dass irgendwann das Urteilchen, “Higgs-Boson” genannt, entsteht. “Big Bang”, Urknall, schwarze Materie, schwarze Löcher sind Mediengespräch, ein paar befürchten sogar das Ende der Welt. Nein, wir werden kein Szenario zeichnen, obwohl unsere Fantasie ausreichen würde. Vielleicht dazu eine Leseempfehlung bei Spreeblick, der da humorvoll in die Runde wirft, was denn sei, wenn es die Higgs-Teilchen[4] nicht gibt. Laut Theorie müsste es die Teilchen geben, also hoffen die Wissenschaftler auf deren Nachweis. Und wenn sie nicht gefunden werden, heisst es noch lange nicht, dass es die Teilchen nicht gibt, aber mit Sicherheit gibt es eine Menge neuer Fragen[5].

Grosser Schritt für die Wissenschaft

Die ARD Tagesschau berichtete gestern:

[...] “Ein kleiner Schritt für ein Proton, ein großer Schritt für den Menschheit”, bilanzierte Forscher Nigel Lockyer vom kanadischen TRIUMF-Labor den ersten gelungenen Versuch. [...]

Eine solche Äusserung stösst dem “Bürger-Herold” mehr auf als mancher fantasievoller Skeptiker. Warum solle es sich um einen grossen Schritt für die Menschheit handeln? Wenn, dann handelt es sich höchstenfalls um einen grossen Schritt für die Teilchenphysiker. Und wenn sie ein paar Urteilchen finden, dann ist für sie der Schritt noch etwas grösser. Es ist ein Wissensfortschritt, zunächst mit Nutzen für die Wissenschaft[6].

In welche Richtung?

Betrachten wir es einmal anders. Die Entdeckung der Kernspaltung war zweifelsohne ein grosser Schritt. Auch in diesem Falle nicht für die Menschheit, sondern für die Wissenschaft. Grosse Schritte entstehen erst dann, wenn man mit den neuen Erkenntnissen und deren Weiterentwicklung etwas anfangen kann. Ja, und was ist aus der Geschichte der Kernspaltung geworden? Die Kernenergie ist nicht über alle Zweifel erhaben, ungelöste Abfallprobleme radioaktiver Stoffe, ein weltweites Arsenal von Kernwaffen. Wo war oder ist der grosse Schritt für die Menschheit? Bestimmt nicht die strahlende Zukunft.

Selbst wenn die Wissenschaftler die Higgs-Teilchen finden, stehen die grossen Schritte für die Menschheit noch aus. Mit derartigen Experimenten entstehen Nebeneffekte, die unter Umständen als Spin-off-Aktivitäten ein Eigenleben entwickeln, wie neue Techniken und Anwendungen. Zu leicht können sie in die falschen Hände geraten, z. B. militärische Anwendungen, die dann zu grossen Schritten in die falsche Richtung führen. Nein, so einfach ist das mit dem grossen Schritt für die Menschheit nicht, wenn man darunter etwas Positives versteht.

Fussnoten:

  1. LHC-Homepage
  2. LHC-Animation
  3. explain it in 60 seconds
  4. Eine etwa ältere Animation zum Higgs Mechanismus
  5. Die Protonen kreisen
  6. Jagd auf das letzte Teilchen

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