Lies Liz!
9. September 2008 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, Politik, WirtschaftLiz Mohn mag ja von einer Bertelsmannschen Welt AG träumen, was ihr gutes Recht ist. Aber glauben sollte man ihr lieber nicht.
Irrtum, Madame!
Nein, Liz Mohn[1], stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, kann der “Bürger-Herold nicht zustimmen, wenn sie in Eine Welt, eine Sprache schreibt, wir würden in einem globalen Jahrhundert leben. Das globale Jahrhundert ist noch nicht einmal acht Jahre alt, vom dritten Jahrtausend wollen wir nicht reden. Im Jahr 1999 wären wir der Sache etwas näher gekommen, denn dann hätten wir geschrieben: “Wir leben im globalen Jahrtausend”.
Auch das “globale Jahrtausend” stimmt nicht ganz, weil die Globalisierung – begrenzt durch die jeweilige Vorstellung unseres Globus - viel älter ist. Das lässt sich leicht anhand vieler Handelswege und Kriegszüge nachweisen, wie Seiden- und Gewürzstrassen, Mongolen, Weltkriege, Ausbreitung des Christentums, Entdeckung Amerikas u. v. m. Im geschichtlichen Rückblick hat man nur nicht von Globalisierung gesprochen. Das heisst, Weltwirtschaft oder Geopolitik waren immer präsent, vielleicht nicht von den Begriffen her sondern von den Taten aus gesehen.
Den Machtverhältnissen Untertan
Liz Mohn fällt regelrecht mit der Tür ins Haus, womit sie in Bezug zu ihrem vermeintlichen “globalen Jahrhundert” klar Schiff macht:
[...] Dieser Tenor für ein neues Verständnis der weltwirtschaftlichen und geopolitischen Machtverhältnisse sollte unser Denken und Handeln bestimmen. [...]
Jeder Bürger, wo immer er lebt, sollte sich diesen Satz besser nicht aneignen. Darin ist nämlich eine Denkart verknüpft, quasi eine Top-down-Denke, die darauf hinausläuft, den weltwirtschaftlichen und geopolitischen Machtverhältnissen (!) jedes Denken und Handeln unterzuordnen. Bitte, werte Leser, lesen Sie dieses Mohn-Zitat und die Reihenfolge nochmals. Liz Mohn geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie will das Bewusstsein globalisieren, unterordnen. Diesen Gefallen, auch wenn es einige Zeitgenossen bereits tun, wird ihr hoffentlich kein Bürger tun.
Weltwirtschaft und Geopolitik sind an sich nichts Negatives. Wenn jedoch Mohn beides mit Machtverhältnissen verknüpft, dann kann daraus Unglück entstehen, wenn es nicht schon teilweise geschehen ist. Besonders dann, wenn sich Denken, Handel und Bewusstsein dem unterordnen. Liz Mohn blendet diese erlebbare Gefährlichkeit vollkommen aus: Um ein Haar hätte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr existiert – Politiker und Wirtschaftsvertreter denken laut darüber nach, man soll die Rohstoffe vor Ort sichern – die Kriege mit dem Irak und Afghanistan weisen darauf hin – Afrika liegt am Boden – Südamerika ist in Kippstellung.
Kongress-Tünche
Gehen wir über den ersten Absatz des Mohn-Beitrages hinaus, den wir hier kritisieren, dann haben ihre Ausführungen über die Sprache zwar etwas Sinnvolles an sich. Aber gleichzeitig auch viel Übertünchendes. Das macht sich an Kongressen, wie der “Salzburger Trilog”[2], ganz gut. Man kann Verständnis für die Not dieser Welt zeigen, für Menschlichkeit plädieren und eine gemeinsame Sprache suchen. Das ist bei Kirchenpredigten ähnlich. Ebenso wie die Schäfchen die Kirche verlassen, gehen die Vorzeigevertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur nach dem Kongress nach Hause und widmen sich dann ihrem Alltag.
Und was für ein Alltag das sein kann: Ein Alltag der weltwirtschaftlichen und geopolitischen Machtverhältnisse. Liz Mohn soll ja nicht glauben, dies alles sei nicht durchschaubar. Die Politik ist fest im Griff der Wirtschaft, ein eingeübtes Zweiergespann, das nur noch daran glaubt, die Welt und alles, was sich darauf abspielt, sei lediglich ein Objekt von Rentabilität und Profit. Liz Mohn mag ja von einer Bertelsmannschen Welt AG träumen, was ihr gutes Recht ist. Aber glauben sollte man ihr lieber nicht.
Fussnoten:
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[...] · tar, den 22.09.08 in Deutschland, Liberalismus, Probleme, Soziales, Wirtschaft Quelle: virtualreview.ch [...]