Schadensbegrenzungsübung
5. September 2008 · Von ulp · Rubrik: Armut, WirtschaftNachdem es Kritik hagelt, bemühen sich die Verfasser von “Die Höhe der sozialen Mindestsicherung” um Abwiegelung.
Spiel mit der Präambel
Nachdem die NachDenkSeiten ebenfalls auf die angeblich wissenschaftliche Studie “Die Höhe der sozialen Mindestsicherung” der TU Chemnitz hinweisen, ist der “Bürger-Herold” der Sache nochmals nachgegangen. Einerseits wegen des Hinweises, das Dokument sei zeitweise nicht verfügbar gewesen und andererseits wegen der Präambel, die NachDenkSeiten wörtlich aus dem entsprechenden PDF-Dokument zitiert. Letzteres ist offensichtlich überholt.
Der “Bürger-Herold” ist sehr überrascht: Sowohl die Kurz- als auch die Langfassung (diesesmal Download-Möglichkeit von unserem Server) wurden heute am 5. September 2008 um 10:36 Uhr korrigiert. Was genau geändert wurde, können wir nicht sagen, weil wir gestern keine Downloads davon gemacht haben. Aber auffallend ein ergänzender Absatz, der gestern am späten Abend nicht vorhanden war oder den wir übersehen haben.
Publizieren braucht Aufmerksamkeit
Sehr wissenschaftlich sind die Verfasser nicht, wenn man diesen ergänzenden Absatz liest:
[...] Wenn Sie die vielen einseitigen und spektakulären Pressemeldungen auch im Internet lesen, dann denken Sie bitte daran, dass diese nicht ohne Absicht zugespitzt, einseitig und/oder verfälschend formuliert sind. Sie als Person werden von den Medien benutzt, damit diese mehr und teurer Werbung verkaufen können. Die Klick-Zahl soll gesteigert werden, und dazu liefert man Ihnen Stichworte, von denen man weiß, dass Sie darauf reagieren. Mit den Ergebnissen der Forschung hat das nichts zu tun. [...]
| Seriösität? |
|---|
| Die Seriösität der Studie muss der “Bürger-Herold” grundsätzlich anzweifeln. Von möglichen sozialen Beilhilfen sind sowohl Frauen wie Männer betroffen. Aber auf Seite 11 der Langfassung ist von eine Art Standardmensch als Grundlage für die Studie die Rede (“… ein gesundes, rational handelndes Individuum …”): Es ist männlich und 1,7 m gross usw. Das heisst, Frauen bleiben aussen vor. |
| In der Präambel reden die Verfasser davon, man werde “daraus keine Konsequenzen” ableiten. Wirklich nicht? Auf Seite 30 und 31 wimmelt es ganz “cool” von Konsequenzempfehlungen, wie keine Gelderhöhung, Kopplung von Transferzahlungen und Gegenleistungen, Mindestsicherung neu überdenken u. ä. |
| Zuguterletzt behauptet Prof. Friedrich Thiessen, “dass die Ergebnisse der Studie insoweit für ganz Deutschland Gültigkeit haben”. |
Das ist pure Plumpheit, die der “Bürger-Herold” von Wissenschaftlern, die sich heiklen Themen widmen, nicht erwartet. Erstens handelt es sich um eine Pauschalisierung, vermutlich als Gegenmittel gedacht, um jeglichen Kritikern etwas zu unterstellen. Zweitens: Medien, wer auch, immer wollen Aufmerksamkeit – nichts Aussergewöhnliches. Auch die Verfasser der Studie wollen Aufmerksamkeit, sonst wären die Resultate nicht in der “Zeitschrift für Wirtschaftspolitik” publiziert worden.
Ein sehr flacher Versuch
Drittens liefert die Studie ebenso Stichwörter für eine Reaktion wie die Medien, was ja auch wünschenswert ist. Noch eine vierter Punkt: Natürlich hat Alles etwas mit den Ergebnissen dieser Forschung zu tun, einerseits die Zahlen, andererseits deren Interpretation.
Unserer Meinung nach handelt es sich hier um den Versuch der Schadensbegrenzung. Ein misslungener Versuch mit einer billigen Erklärung! Wir können hier aus unserem Beitrag Die Idee: Noch weniger nur wiederholen und ergänzen:
[...] Das “Kartell” der Medien und Wissenschaftsstudienverfasser funktioniert. Es gibt billige Nachrichten und erfüllt den Zweck für politische Besserwisser [...]
und erhöht die Aufmerksamkeit der Studienverfasser, die Zahlen, Interpretationen und Meinungen vermischen.
Zündstoff zur Diskriminierung?
Die Verfasser der Studie bezeichnen ihre Methode “Bottom-up” (von unten nach oben). Der Effekt könnte jedoch sein, dass daraus “Top-down” (von oben nach unten) folgt, falls ein paar Oberschlaue aus der Politik auf die Idee kommen, die zur Zeit gültigen Beträge herunterzurechnen. F!xmbr spricht von Diskriminierung. Nein, so weit können wir mit Direktbezug auf die Studie nicht gehen. Aber was kann eine solche Studie auslösen?
Sie lösen Reaktionen, Diskussionen[1] und, was wir bei einigen aus der bunten Politikerschar mehr als genug erlebt haben, zynische Äusserungen aus, die diskriminierend waren oder sind. Erwin Huber (CSU): “Wer von Hartz IV lebt, der hat keine Fahrkosten”[2]. Das diskriminierende Vorspiel ist ja bereits unterwegs[3]. Der Preis einer Initialzündung kann verdammt hoch sein, wenn diese Wirtschaftswissenschaftler[4][5][6] nicht endlich begreifen, dass ihre Zahlenrechnungen mit Modellmenschen keinen echten Wert besitzen. Wo bleibt der Mensch? – eine Frage, die wir uns als Bürger immer stellen müssen. Ein paar Floskeln, die Menschlichkeit andeuten, genügen nicht.
Fussnoten:
[...] Schadensbegrenzungsübung [...]
[...] Schadensbegrenzungsübung [...]