Windige Erklärungen

2. September 2008 · Von ulp · Rubrik: Medien

Peinlich für ARD-Tagesschau – beim Putin-Interview voll in den Hammer gelaufen.

ARD-Kehrtwendung

Im letzten Beitrag Meine und Deine Meinung haben wir mit der Fussnote Das Interview als Beispiel darauf hingewiesen, wie der Umgang mit der Meinungsfreiheit in der Praxis aussehen kann[1]. ARD Tagesschau kündigt indessen, wie wir erfahren[2], eine überraschende Wende an, indem das volle Interview in der Morgenfrühe gesendet werden soll. Inzwischen liegt auch der Wortlaut in schriftlicher Form vor. Das Fernsehen beugt sich den aufmerksamen Bloggern und E-Mail-Schreibern.

Thomas Roth von der ARD schreibt dazu:

[...] Das Interview selbst war erheblich länger, was übrigens durchaus häufig vorkommt. Fernsehen, Radio, aber auch Zeitungen stellen in einem solchen Fall eine redaktionelle Fassung her, die dann in dem vorbesprochenen Rahmen auch veröffentlicht wird. Mit Zensur hat das nicht das geringste zu tun. Manche E-Mail-Schreiber scheint das zu bewegen. [...]

Dürftig, dürftig!

Kommentieren?
Nachtrag: Spreeblick stellt am Ende seine Beitrags zwei wichtige Fragen: “Wie wäre es eigentlich, wenn der Machthaber eines – sagen wir mal der Einfachheit halber – orientalischen Staates im Interview ausführlich das Existenzrecht Israels bestreiten würde? Unkommentiert senden?”
Zur ersten Frage: Der “Bürger-Herold” wäre wahrscheinlich empört, liesse seine Wut hochkochen. So ähnlich jedenfalls. Allerdings, meinen wir, ist das Fallbeispiel nicht ganz mit dem Putin-Interview vergleichbar.
Zur zweiten Frage: Kommentieren in jedem Falle. Dazu haben Journalisten, Blogger und andere Schreiber viele Möglichkeiten. Doch wie damit in einer Vorproduktion umgehen? Zum Beispiel durch Einblenden eines Kommentars. In Echtzeit kommt es auf den Interviewer an, ob er reagieren kann. Unter Umständen muss der Interviewer ein Eklat in Kauf nehmen, z. B. Abbruch. Das wäre eine Riesengratwanderung wie seinerzeit das Interview von Michel Friedman.

Diese Erklärung, gerade weil es sich um ein Interview handelt, scheint uns zu windig. Wir kennen das Problem der Länge, aber der besondere Reiz von Interviews liegt liegt in der Authentizität, im Dokumentarischen, auch wenn dabei unwichtiges Gerede vorkommen kann. Wenn es sich nicht um Zensur handelt, für uns ein zu starker Begriff, dann um schwerwiegende Unterlassungen. Wir haben uns beim Update Das Interview informiert. Wenn diese Analyse richtig ist, von der wir ausgehen, dann haben die Profis etwas gemacht, das weit unter der Schwelle des “gelobten” Qualitätsjournalismus liegt.

Wenn wir uns darüber hinaus das Inhaltliche der Kürzungen anschauen, dann liegt schon der Verdacht nahe, dass man solche Teile westlichen Zuschauern vorenthalten will. Na gut, dieser Verdacht muss sich nicht bestätigen. Aber wie, wenn Passagen bis zur Sinnentstellung herausgeschnitten werden, soll man sich eine Meinung bilden? Wladimir Putin muss ja nicht Recht haben, jedoch kann man nicht beurteilen, was man nicht hört.

Absturz der Glaubwürdigkeit

Es gibt noch eine andere Dimension. Dieser drastische Fall wirft doch die Frage auf, wie echt und irreführend vorproduzierte Interviews sind – mit Angela Merkel, Wolfgang Schäuble usw. Aus dieser Sicht haben wir es heute mit einem Absturz der Glaubwürdigkeit zu tun.

[...] Letzter Punkt: Selbstverständlich ist unser journalistisches Interesse, das ganze Interview zu veröffentlichen. [...],

schreibt Thomas Roth. Das nimmt der “Bürger-Herold” ihm nicht ab. Zuerst das journalistische Interesse an einer sinnentstellten Interview-Version, und dann auf “Druck” hin journalistisches Interesse an der Vollversion. Das passt nicht zusammen! Nebenbei bemerkt: Bei gedruckten Interviews haben wir die Hoffnung auf echte Interviews längst aufgegeben[3].

Fussnoten:

  1. ARD kürzt Putin-Interview – Zensur durch Weglassen
  2. Programmhinweis für Frühaufsteher
  3. Very blairish und rheinisch

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Ein Kommentar
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  1. [...] dient dieser Vorfall ja ganz allgemein der politischen Bildung. BÜRGER HEROLD schreibt: “Dieser drastische Fall wirft doch die Frage auf, wie echt und irreführend [...]