Phobische Marktschreierei
29. August 2008 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, Kultur, Pax EuropaThe show must go on: Neues Erretter-Pamphlet kursiert in den Medien – eine PR-Aktion?
Grosse und kleine Übermenschen
Nur Übermenschen glauben, dass sie es sind, deren Eigenschaften aus lauter Lichtseiten bestehen. Doch gerade diese Übermenschen, wenn man sie unter die Lupe nimmt, besitzen erhebliche Schattenseiten. Darüber reden sie natürlich nicht und lassen deshalb lieber ihre PR-Maschine laufen: eine PR-Maschine in eigener Sache, mitunter um eigene verquerte Ansichten zur Schau zu stellen, um Menschen zu beeinflussen, sie vor Bösem zu retten. Was dann das Böse zu sein hat, das bestimmen die grossen und kleinen Übermenschen.
Es gibt auch Mini-Übermenschen. Sie haben zwar keine Macht, aber sie unternehmen viel, um sich in Szene zu setzen. Oder besser: Sie inszenieren sich selber, um zu zeigen, dass auch sie zum erlauchten Kreis der Erretter der Menschheit gehören. Es ist bald peinlich, wenn diese “Minis” immer wieder in den Medien im wahrsten Sinne des Wortes aufkreuzen. Verbal ziehen sie zu Kreuze[1] und merken nicht, wie ihr Marktgeschrei mehr oder weniger einer Phobie ähnelt.

Sieht alles so harmlos aus: Zuerst die Feder und dann das Schwert? (© ulp)
Dankbare Abnehmer
Einer, dessen Lebensaufgabe im verbalen Kreuzzug zu bestehen scheint, ist Udo Ulfkotte mit seinem Baby “Pax Europa”[2]. Heute steht er in den Schlagzeilen von Stefan Niggemeier, der den Fragen nachgeht, inwiefern Ulfkotte mit seinen unzähligen Beispielen lügt. Udo Ulfkotte hätte heute unsere Aufmerksamkeit nicht, wenn gestern nicht ein paar News über ihn reinge-”googelt” wären. Demnach sieht es so aus, dass Ulfkottes erzählende Pamphlete immer noch dankbare Abnehmer in den Medien finden. Qualitätsjournalismus?
Beispielsweise das neuste Pamphlet von Ulfkotte. Die evangelische Nachrichtenagentur “Idea” schnappt Ulfkottes Kommentar aus der “Welt” auf und produziert daraus eine “nachrichtenrelevante” Meldung[3]. Die CDU macht es sich in ihrem Forum schon einfacher und publiziert mit dem Autorenkürzel “NOR” Ulfkottes Pamphlet wortgetreu, zu der die Unterzeile “Islamisierung Europas. Politiker und Kirchenvertreter klatschen Beifall.” nicht fehlen darf. Na ja, Unterzeilen sind manchmal ein Glücksspiel.
Eine PR-Aktion?
Doch nun zur “Welt”, die unter dem Titel Ehrenrang für Christenhasser Ulfkottes Pamphlet als Gastkommentar veröffentlicht. Damit nicht genug: In der selben Zeitung, was wohl an der “qualitätsjournalistischen” Mehrfachverwertung liegen mag, erscheint unter dem Titel Dulden wir eine Islamisierung Europas? – das Ganze als Debatte gedacht – nochmals. Das riecht förmlich nach gezielter PR, zumals Uflkotte noch sein neustes Buch anpreisen muss[4].
Inhaltlich bietet Ulfkottes Pamphlet nichts, ausser dass er sich über die Namensgebung einer Moschee ärgert und das Wort “Stoffkäfighaltung” erfunden hat. Allerdings zeugen seine Behauptungen über Sultan Mehmet II nicht von grossartiger Geschichtskenntnis, sondern eher von kalkulierter Selektion (Man nehme das, was ins Anti-Konzept passt)[5][6][7]. Ulfkottes Begriff “Stoffkäfighaltung” mag zwar lustig tönen, aber zeugt lediglich davon, dass es Ulfkotte um Einpeitscherei und Diskriminierung geht. Menschenachtung sieht anders aus. Aber auch sonst hat der Mann nicht den Blick für die Vernunft.
Geknickte Strohhalme
Ideenreich und konstruktiv ist Ulfkotte nicht[8]. Mit der Frage
[...] Kämen Christen auf die Idee, eine Basilika etwa nach dem Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon zu benennen? [...]
fällt Ulfkotte höchstens in die eigene Falle. Von Bouillon[9] ist Kreuzfahrergeschichte[10][11]. Martin Luther[12] ist auch Geschichte, kein Kreuzfahrer, aber ein Religionsveränderer. Und was für einer: Er war den Juden absolut feindlich gesinnt[13], sein Sieben-Punkte-Plan hatte leider eine sehr nachhaltige Wirkung. Und es gibt jede Menge Martin-Luther-Kirchen[14]. Man sieht, auch Christen haben Ideen, über die man sich wundern kann.
Uns scheint, Udo Ulfkotte klammert sich nur noch an mehrfach geknickte Strohhalme, um im Konzert der Islamfeindlichkeit mitzumischen. Die Art und Weise ist es, die sich heute gegen den Islam richtet, aber morgen auf andere Gruppen zeigen kann. Die Rezepte der Feindlichkeit sind immer dieselben.
Fussnoten:
- “Wir führen einen Kreuzzug”
- Dossier ‘Pax Europa’
- Scharfe Kritik am Zurückweichen vor dem Islam in Europa
- Kommentar: 50 «Eroberer»-Moscheen in Deutschland
- Die Wiederbelebung der Östlichen Orthodoxie durch Sultan Mehmet II
- Halbmond über dem Goldenen Horn
- Ulfkotte zeigt nochmals seine Unkenntniss
- Udo Ulfkotte und die Wissenschaft!
- Gottfried von Bouillon
- Gottesdienst mit dem Schwert
- Kreuzzug
- Martin Luther
- Luther und die Juden
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