Medienwahrheiten

26. August 2008 · Von · Rubrik: Politik, Weltkonflikte

“Le Monde” schiesst mit Fehlinformationen den Vogel ab.

Medienschlagzeilen – und dann?

Wenn das Schweizer Fernsehen schreibt, Calmy-Rey sorge für Schlagzeilen[1], so stimmt das nicht so ganz. Wer die Medien kennt, weiss, dass die Medien die Schlagzeilen selber machen, um Leser in den Stoff hineinzuziehen. Gehen wir der Reihe nach. Die Schlagzeile in Le Monde lautet:

La ministre des affaires étrangères suisse prête “à s’asseoir à la table de Ben Laden”,

das heisst, die schweizerische Aussenministerin sei bereit, mit Ben Laden an einem Tisch zu sitzen. Weiter heisst es,

[...] Micheline Calmy-Rey, s’est déclarée prête, lundi 25 août, “à s’asseoir à la table du dirigeant d’Al-Qaida, Oussama Ben Laden” pour engager un dialogue. [...]

was zu gelieferten Schlagzeile kein Widerspruch ist. Ob durch das international übliche Lagerdenken ein Wirbel vorgrammiert ist, sei einmal dahingestellt. “Le Monde” liegt jedoch falsch. Geht man nämlich der Sache auf den Grund, dann liefert die Botschafterkonferenz-Rede von Micheline Calmy-Rey, die uns nicht als eine Frau des Lagerdenkens bekannt ist, ein anderes Resultat. Zum einen gibt es eine Richtigstellung des Aussenministeriums, die unserer Meinung nach nicht einmal nötig wäre[2][3]. Und die Rede steht als Link zur Verfügung[4].

Oft anders als die Medien schreiben

Ein Blick ins Manuskript der Rede lohnt sich, um ihre Gedankengänge zu verfolgen.

[...] In der schweizerischen Presse lesen sich Kommentare zu internationalen Ereignissen und Entwicklungen wie ein Kapitel aus der Religionsgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts: Im Zusammenhang mit der schweizerischen Aussenpolitik gelten Einbeziehen, Beeinflussen und Überzeugen als des Teufels. Ausgrenzen, Strafen und Zwingen scheinen die Allheilrezepte. Man fragt sich beinahe, ob die Aufklärung je stattgefunden hat.

Moralisten scheinen derzeit Hochkonjunktur zu haben. [...]

Das Entscheidende liefert der nächste Absatz:

[...] Sollen wir auf diese Moralisten hören? Und wenn nicht: Sollen wir den Dialog suchen ohne zu unterscheiden, auch wenn das bedeutet, mit Ussama Ben Laden an einem Tisch zu sitzen? Was sollen wir mit Menschen, Gruppen und Staaten tun, die gegen das Völkerrecht und dessen Grundsätze verstossen? Wer ist ein Terrorist? Wer ist ein Freiheitskämpfer? Welche Mittel sind erlaubt bei der Verfolgung politischer Interessen, welche nicht? [...]

Übrigens lässt auch die französische Version[5] ihres Redemanuskripts keinen Zweifel daran, dass es sich, was Ben Laden anbelangt, um eine rhetorische Frage handelt. Gewisse Abschreiber[6] scheinen dies nicht begriffen zu haben.

Fussnoten:

  1. Calmy-Rey: «Noch nie so viele Kontakte zu USA»
  2. Richtigstellung
  3. Gespräche mit Bin Laden: Calmy-Rey liefert Präzisierung
  4. Die Aussenpolitik der Schweiz: zwischen Dialog und Ausgrenzung
  5. La politique étrangère de la Suisse: entre dialogue et exclusion
  6. Calmy-Rey: Will sie Osama Bin Laden treffen?

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