Der gekränkte Kritiker
19. August 2008 · Von ulp · Rubrik: Kultur, Schreiber-SchlachtViele Medien und von Medien abhängige Kritiker haben die Öffentlichkeit nicht mehr im Griff. Das ist gut so!
Urteilszersetzung
“Die Internet-Blogs zersetzen das informierte und unabhängige Urteil” heisst es in der Unterzeile eines Beitrags von Josef Schnelle, und dann legt der Autor los. Er sieht sich genötigt, lang und breit zu erklären, warum wir Filmkritik brauchen. Wer braucht sie denn? Der Film oder die Filmkritiker?[1] Streiten wir nicht darüber. Filmkritik ist eine Form wie jede andere Kritik auch. Sie hat ihre Berechtigung, sofern sie konstruktiv und fundiert ist. Nun ist aber niemand gezwungen, der Kritik aufs Wort zu glauben.
Der “Bürger-Herold” und viele Andere halten es lieber mit dem eigenen Urteil, wie ein Film, ein literarisches Werk usw. bei ihnen wirkt und beurteilt wird. Zweifelsohne sind Kritiken aus profundem Munde hilfreich, aber sie müssen nicht mit dem eigenen Urteil übereinstimmen. Selbst dann nicht, wenn sie von einem anerkannten Kritiker stammen. Ebenso gibt es viele kritisierende Schreiber ohne grossen Namen, die ihre Sache nicht schlecht machen.
Problem des Kritikers
Josef Schnelle hat allerdings ein anderes Problem, was die erwähnte Unterzeile verrät. Wir kennen kein Blog, das informierte, unabhängige Urteile zersetzt. Wenn, dann sind es höchstenfalls die Schreiber unfundierter Kritiken, die dahinterstehen. Nur: “Zersetzende” Schreiber haben mit Internet oder Blogs nichts zu tun, auch wenn sie deren Kommunikationsschienen benützen. Aber letzteres scheint Schnelles Problem zu sein, denn wer seine Deutungshoheit in Gefahr sieht, der braucht einen Feind.
Josef Schnelle macht aus unserer Sicht einen gravierenden Fehler. Er schlägt, viele Andere nachahmend, mit dem Vorschlaghammer auf zwei Äusserlichkeiten (Blogs, Internet) ein. Aber wenn wir es jetzt genau nehmen, schlägt er im Prinzip auf Menschen ein. Genau dies stört uns, weil aus solchen Pauschalisierungen Diskriminierungen entstehen.
Drastische Veränderung
Möglicherweise hat Schnelle Angst, er könnte vom hohen Schaukelpferd herunterfallen. Es sieht so aus, wenn er schreibt:
[...] Aber auch bei uns baut sich im Netz eine Gegenwelt der Blogger auf, deren sprachliches und intellektuelles Unvermögen der “Spiegel” jüngst aufspießte. [...]
Auch an diesem Zitat erkennt man deutlich, was den gekränkten Kritiker beschäftigt. Nein, es ist keine Gegenwelt, es ist dieselbe Welt, zu der Schnelle und alle Schreiber gehören.
Aber was sich mit dem Internet und forciert durch Blogs drastisch verändert hat, ist das Bemerkenswerte unserer Zeit: Viele Medien und von Medien abhängige Kritiker haben die Öffentlichkeit nicht mehr im Griff, was auch gut ist. Etablierte Kritiker – gegen gute ist auch nichts einzuwenden – sind auf Öffentlichkeit angewiesen. Im Gegensatz zu Bloggern: Sie wollen zwar auch gelesen werden, aber sie sind bereits ein Teil dieser Öffentlichkeit.
“Der neuste Blog-Schreiber”
Ein Brite namens Blair, was auch für Josef Schnelle interessant sein dürfte, hat ebenfalls ein Tagebuch geschrieben. Das war allerdings vor mehr als 70 Jahren. Vielleicht, ja vielleicht hätte dieser Blair heute ein Weblog im Internet geschrieben. Wer weiss das schon? Es würde keinen Sinn machen, damalige Tagebuchschreiber, die bekannten und unbekannten, global des “Daumen hoch – Daumen runter”, wie Schnelle sich ausdrückt, zu verdächtigen.
Immerhin: Dieser Blair kann einen Teil der Literatur- und Filmgeschichte für sich beanspruchen. Bei diesem gewissen Blair handelt es sich um den Literaten George Orwell (“Farm der Tiere”, “1984″), dessen Tagebucheintragungen seit neustem in einem Blog veröffentlicht werden[2][3][4][5].
Fussnoten: