Unter Generalverdacht
7. Juli 2008 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, Kultur, WissenKutschera stellt den “Geist unter Generalverdacht”, ein Vorspiel dazu, den biologischen Wissenschaften alles zu unterwerfen.
“Geist unter Generalverdacht”
Eines hat der “Bürger-Herold” mit dem Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera gemeinsam: Wir können die Kreationisten nicht ausstehen, weil ihr Ansinnen darin besteht, für ihre religiöse Ansichten eine Legitimation haben zu wollen. Ulrich Kutschera geht jedoch einen Schritt weiter, indem er einen Wissenschaftsstreit vom Zaun bricht, wie gestern die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtet. Möglicherweise ist es für Kutschera effektiver, einen Brei aus Kreationisten, Philosophen, Theologen zu kochen, um eine Breitseite gegen die Geistewissenschaften generell zu fahren:
[...] An der fraglichen Stelle nämlich, in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Laborjournal, rückt Kutschera die gesamte Geisteswissenschaft in die Nähe des Privatvergnügens. Er nennt sie “Verbalwissenschaft” und scheidet sie scharf von der “Realwissenschaft”. [...]
Kutschera stellt den “Geist unter Generalverdacht”, ein Vorspiel dazu, den biologischen Wissenschaften alles zu unterwerfen.
Der “neue Gott” im Labor?
Mit Recht wittert der SZ-Autor einen “neuen Humanismus”, dessen Deutungshoheit dann bei allen Biologen dieser Welt liegt. In einem Interview mit Factum 1/2003 (Seite 36) sagte Kutschera:
[...] Evolution ist als dokumentierte Tatsache zur Über-Disziplin und Fundament der Biowissenschaften geworden. Ohne eine evolutionäre Sicht sind die Organismen nicht naturwissenschaftlich analysierbar, da der in der DNA niedergelegte historische Charakter ausgeblendet wird. [...]
Dagegen ist nichts einzuwenden, so lange Kritik an der Biologie erlaubt ist. Kutschera scheint damit Mühe zu haben. Allerdings braucht die heutige Biologie, mit welchen Zielen und Hintergedanken sie auch immer betrieben wird, Kritik der besten Sorte. Nur ein Stichwort dazu: manipulierte Biologie als Einfallstor für eine “neue Schöpfung”, unter der wir in diesem Falle nicht die Schöpfung der Kreationisten oder Theologen verstehen sondern der Biologen. Dann sind wir auch nicht mehr so weit entfernt von einem “neuen Gott”, der aus theologischer Sicht nicht mehr hoch im Himmel sitzt sondern im Labor.
Denken nicht Wenigen überlassen
Den im Labor sitzenden Gott könnten wir wenigsten leibhaftig packen und verbalwissenschaftlich auseinandernehmen. Kutschera kann sich ja dann verbalwissenschaftlich wehren. Zum Schluss schreibt der SZ-Autor:
[...] Alle Versuche aber, das Denken unter naturwissenschaftlichen Vorzeichen zu vereinheitlichen, prallten ab an der unendlich bunten Lebenswirklichkeit – und an den inneren Widersprüchen: Wo nämlich liegt der archimedische Punkt, von dem aus ein Teilbereich des Wissens als dessen unumschränkter Regent zu bestimmen wäre? Eine voraussetzungslose Wissenschaft gibt es nicht. [...]
Richtig, eine voraussetzungslose Wissenschaft gibt es nicht, denn im einfachsten Falle ist sie an der blossen Neugier gebunden. Heute stehen die biologischen Wissenschaften an der Schwelle der Entfesselung als Ersatz für die Evolution, die sich lange dem menschlichen Eingriff entziehen konnte. Eines ist sicher: Dass Denken kann man nicht Ulrich Kutscher und seinen Kampfgenossen alleine überlassen.