Strukturlos – nicht ganz
26. März 2008 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, MedienDer “Bürger-Herold” meint, Jürgen Habermas schätzt die Entwicklung falsch ein, wenn er meint, dem virtuellen Raum würden “die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen” fehlen.
Gedanken auslösendes Zitat
Via und via gelangt der “Bürger-Herold” zu histnet in der Hoffnung, an der richtigen Stelle zu sein. Trotzdem eine kleine Fehlanzeige, denn “histnet” bezieht sich lediglich auf Jürgen Habermas’ Buch “Ach, Europa. Kleine politische Schriften XI”. Und dieses Buch hat der “Bürger-Herold” nun mal nicht gelesen. Doch ein Zitat aus diesem Buch ist allemal interessant genug, um ein paar Gedanken dazu zu äussern:
[...] Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren. [...]
In der Tat handelt es sich um zwei scheinbar komplizierte Sätze. Den erste Satz, “übersetzen” wir mal locker: Die Hardware (Bits und Bytes) ermöglicht das technisch Machbare (Anwendungen), deren Entfesselung mehr oder weniger keine Grenzen gesetzt sind. Oder sollten sie?
Klassische Öffentlichtkeit – ein Pachtgut?
Der zweite Satz tönt etwas komplizierter. Doch der Reihe nach. Die klassische Öffentlichkeit hat eingeübte Strukturen, die sich zwar weitgehend bewährt haben, aber unterdessen recht verkommen sind. Beispielsweise verkommen deswegen, weil viele der Kommunikationswege schlichtweg missbraucht werden durch flachen Journalismus, Manipulation, Fehlinformationen, Informationsmonopole und ähnliches.
Die klassische Öffentlichkeit funktioniert genau so, von dem Habermas meint, dies fehle dem virtuellen Raum. In der klassischen Öffentlichkeit laufen dezentrale Informationen zusammen (klassische Medien fangen auf), werden dort ausgewählt, aufbereitet (redigiert) und jagen als neue Produkte (Synthese) durch die Kanäle. Diese klassische Öffentlichkeit ist eine Art der Kommunikation von oben nach unten, auf die der grösste Teil der Gesellschaft keinen Einfluss hat.
Entfesselung der Kommunikationswege
Der virtuelle Raum (Internet, WWW, Vernetzungen, usw.), setzt etwas frei, mit dem die klassische Kommunikation nicht gerechnet hat: die Entfesselung der Kommunikationswege. Vielleicht liegen wir falsch, aber unserer Meinung nach war diese Entfesselung nur ein Schock von relativ kurzer Dauer. So strukturlos ist der virtuelle Raum unseres Erachtens nicht. Die Strukturen sind enorm verzweigt und atemberaubend gross, so dass man glauben könnte, es handele sich um ein heilloses Durcheinander.
Die Praxis im virtuellen Raum ist einfacher als wir glauben, wenn wir richtig in den virtuelle Raum heineinspringen. Von manchen Zeitgenossen nicht erwünscht, ist es dem grössten Teil der Gesellschaft heute möglich geworden, nicht nur als Konsument aufzutreten sondern auch als Produzent. Dazu Kausch & Friends:
[...] Mit der Einführung der Blogs wurde dieses System nun auf den Kopf und in Frage gestellt. Auf einmal waren es nicht mehr nur allein die Journalisten, die für Meldungen zuständig waren [...]
Neue Produzenten sind nicht planlos
Den Begriff “Produzent” sehen wir nicht als negativ an. Was machen nun ernsthafte Blogschreiber – als stellvertretendes Beispiel betrachtet – ausser dass sie schreiben? Wenn sie nicht gerade erzählbare Geschichten erfinden, holen sich die Schreiber dezentralisierte, relevante Informationen, wählen sie aus, bereiten sie auf und stellen sie schliesslich in den virtuellen Raum. Das ist noch nicht das Dramatische daran.
Der “Bürger-Herold” will einen Blog-Schreiber nicht hochjubeln, aber unterdessen sind es viele geworden, die ernsthaft bei der Sache sind. Fassen wir die vielen Blogger – es können auch andere Kommunikationsschienen sein – einmal als eine Gesamtheit, nicht als Einheit auf, dann ist etwas Erstaunliches passiert. Aufgrund der technischen Machbarkeit (Verlinkung, Referenzierung) sind vom Einzelnen ungewollt durch die Gesamtheit Strukturen entstanden.
“Selbstgewachsene” Strukturen
Und das Dramatische daran ist, dass es sich um “selbstgewachsene” Strukturen handelt, die nicht gezielt entstanden sind. Nennen wir sie doch einfach, wenn wir schon vom virtuellen Raum sprechen, virtuelle Strukturen. Die Dramatik geht natürlich weiter, weil diese virtuellen Strukturen den klassischen Kommunikationsstrukturen diametral gegenüberstehen, gleichzeitig aber ziemlich ähnlich sind. Man sieht sie nicht, aber findet schnell heraus, wie sie funktionieren.
Wir meinen, Jürgen Habermas schätzt die Entwicklung falsch ein, wenn er meint, dem virtuellen Raum würden “die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen” fehlen. Mag sein, dass Habermas zu sehr an klassischen Strukturen hängt. Andere Kreise sehen das bereits anders, denn nicht umsonst unternehmen sie grosse Anstrengungen, in diese neuen virtuellen Strukturen einzubrechen.
Viele Fragen
Klar, das mit der Öffentlichkeit ist so eine Sache. Wer bestimmt, was Öffentlichkeit ist? Wer bedient sie? In welche Richtung läuft die Bedienung? Wer bestimmt die Relevanz? Ja, und jetzt kommen die Blogger oder andere Schreiber, begreifen sich als Gegenöffentlichkeit zur erprobten Öffentlichkeit und “erdreisten” sich noch, selber, teilweise mit Methode, für diese Gegenöffentlichkeit zu schreiben.
Ja, im gewissen Sinne bietet diese Gegenöffentlichkeit der klassischen Öffentlichkeit die Stirn, indem sie eine neue Relevanz bestimmt. Dabei passiert noch etwas, was die Macher der klassischen Öffentlichkeit beunruhigt: Ob sie wollen oder nicht, die Macher werden zum Teil der Gegenöffentlichkeit. Der “Bürger-Herold” findet das phantastisch.
Furcht vor Teilöffentlichkeiten?
Im Juni 2006 berichtete Spiegel, dass Jürgen Habermas auf einer Tagung in Dresden gewarnt habe,
[...] obwohl das Internet den Diskurs erleichtere, bestehe die Gefahr, Online-Debatten könnten zu einer Fragmentierung des Massenpublikums in eine Vielzahl themenspezifischer Teilöffentlichkeiten führen. [...]
Dem können wir etwas abgewinnen. Aber was wäre das Gegenkonzept? Die Fragmentierung, d. h. die Zersplitterung, bringt die Meinungsvielfalt und die fast unüberschaubare Grösse der Vernetzung mit sich. Wir meinen, die Leser sind schlau genug, die befürchtete Fragmentierung einzugrenzen.
Übrigens besteht das selbe Problem bei der altbewährten Öffentlichkeit. Allerdings mit dem Unterschied, wenn man die etablierten Medien gut beobachtet, dass die Auswahl nicht mehr sehr gross ist. Ein paar führende, nicht über alle Zweifel erhabende Medien haben wir zwar, aber der Rest hinkt nach, referenziert, bedient sich weniger Agenturen. Für die Meinungsbildung ist das nicht so erbaulich.