Wasserstandmeldung
14. März 2008 · Von ulp · Rubrik: WirtschaftSieben Professoren schreiben einen “Brandbrief”, um die Bundesrepublik zu retten. Hoffentlich fängt der Brief nicht Feuer.
| Nur noch Renditen? |
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| In der Sendereihe “Wissen” gabe es heute Morgen in SWR2 einen aufschlussreichen Beitrag zu hören. Aus der Vorankündigung: |
| [...] Über das Schicksal eines Unternehmens und seiner Mitarbeiter entscheiden nicht mehr die Einnahmen aus der Warenproduktionen, sondern die Gewinne aus Finanzoperationen. Hat die Industriegesellschaft als soziale Organisationsform ausgedient? [...] |
| Hier die Sendung zum Nachlesen (RTF) oder zum Nachhören. |
Wirtschaftsfundamentalismus
Der Wasserstand muss so steigend sein, dass sieben Wirtschaftsprofessoren (Ulrich Blum, Michael Hüther, Christoph M. Schmidt, Hans-Werner Sinn, Dennis J. Snower, Thomas Straubhaar und Klaus F. Zimmermann) eine drastische Wasserstandsmeldung herausgeben. Das heisst, die honorigen Herren blasen in einem gemeinsamen “Brandbrief”, wie ihn das Handelsblatt nennt, zum Generalangriff.
Mit drei Hauptpunkten, welche die Nation nun bereits seit Jahren in der einen oder anderen Form aufgetischt bekommen (siehe Dieter Hundt am 29.2.2008), versuchen sie zu retten, was sie zu retten glauben. Wäre es eine Religion, müsste man von Fundamentalismus sprechen. Um was geht es im Groben im Brandbrief?
Effizienz mit unanständigen Löhnen
[...] 1. Ein Mindestlohn ist sozialpolitisch ineffizient [...]
Die sozialpolitische Ineffizienz besteht darin, dass die Wirtschaft ohne Mindestlohnabmachungen Entlöhnung einspart, weil sie der Allgemeinheit überlassen werden (z. B. durch Arbeitslosengeld II). Anders herum würde eine sozialpolitische Effizienz bedeuten, was die Profs wollen, dass Unternehmen für anständige Löhne nicht mehr zuständig sind.
[...] 2. Ein gesetzlicher Mindestlohn vernichtet Arbeitsplätze [...]
Das ist die alte, wiederkehrende Masche, als wenn sie ein physikalisches Gesetz wäre. Doch Achtung: Ein Unternehmen, das scharf mit unanständigen Löhnen kalkuliert, wird vermutlich bei einem Mindestlohn nicht mehr mithalten können und solche Mitarbeiter entlassen. Allerdings kann man das nich isoliert betrachten, weil es sich hier um ein Spiel handelt, das eng mit der sozialpolitischen Effizienz (Punkt 1), wie sich das die Profs vorstellen, verknüpft ist.
Wettbewerb auf Kosten der Allgemeinheit
[...] 3. Es droht eine staatliche Lohnfestsetzung [...]
Diese Feststellung ist nicht einmal falsch, wenn die Profs damit den Mindestlohn meinen. Mitarbeiter sollten, so unsere Überlegung, das vom Staat bekommen, für was der Staat zuständig ist: den Schutz seiner Bürger vor Ausbeutung. In anderen Ländern funktioniert das, vielleicht nicht ideal, aber nützlich für Arbeitnehmer im unteren Bereich der Entlöhnung. Die Profs argumentieren wiederkauend mit Aussenseiter- und internationalem Wettbewerb. Dazu unsere Meinung: Dies ist einerseits wiederum eine Frage der von den Profs suggerierten sozialpolitischen Effizienz und andererseits handelt es sich um einen Wettbewerb mit unanständigen Löhnen.
Mit der Axt unterwegs
Die grösste Dreistheit leisten sich die sieben Professoren mit dem Schlusssatz:
[...] Der Staat legt so die Axt an einen Pfeiler der sozialen Marktwirtschaft. [...]
Das werten wir als eine bösartige Tsunami-Meldung, als wenn das Land mit Mindestlohn völlig zusammenklappt. Vielleicht haben die Professoren noch nicht mitbekommen, dass die Wirtschaft mit Hilfe der Staatspolitik und verbissenen Ökonomen bereits seit Jahren mit der Axt auf die Soziale Markwirtschaft reinhaut. Und ausgerechnet auf jene Art und Weise, welche die Sieben als Forderung erheben.
Deren Folgen sind unverkennbar: eine Arbeitslosigkeit, die um ein paar Millionen höher ist als offiziell ausgewiesen – arbeitende Menschen, die von ihrem Lohn nicht leben können – eine schrumpfende Mitte – rund ein Drittel im Niedriglohnbereich und darunter. Jeder Axtschlag ist jedoch weitaus mehr als ein Schlag auf die Soziale Marktwirtschaft, denn es sind Schläge auf eine lebenswürdige Gesellschaft.
Die Vereinigung der sieben Unaufrichtigen. Die haben die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt. Die wissen noch nicht, das der Neoliberalismus tot ist. Nur weil wir die Trauerfeier noch nicht abgehalten haben, glauben die das der Schwachsinn lebt. Aber vielleicht liest denen mal jemand die Zeitungen vor, in denen sie ihren Schleim normalerweise absondern. Ich habs versucht: Weit und breit keine Finanzmarktkrise.
Nun brauchen die nur noch einen Vorleser.
Als ich eben den Brandbrief las, dachte ich, ich wäre auf einem anderen Planeten. Eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit, denn ich muss los! Klar, ich habe eben noch schnell was dazu verbal verbraten, und ich glaube, dass, wenn man die Zeit hätte, man ganz schnell und gut alle deren Argumente pervertieren kann. Nur – mein Friseur wartet….
@Martina
Ich habe gerade Deinen Beitrag gelesen, den ich hiermit noch verlinke. Das Ärgeliche an der ganzen Geschichte ist doch, dass diese Herren Professoren glauben, eine exakte Wissenschaft zu betreiben, bei der sie glauben, sämtliche psychischen Faktoren, Bauchentscheide, Modellvorstellungen, Hoch- und Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Annahmen, Prognosen, Spekulationsgeschichten und Börsengeschehen einschliesslich Behauptungen in ökonomische Formeln zu packen. Als wenn es Physik wäre. Auch wenn es diese Herren nicht gerne hören, sie betreiben eine Was-wäre-wenn-Wissenschaft.
Ich sehe die Gefahr nicht in der “Was-wäre-wenn-Wissenschaft”, sondern in der Botschaft, die mit diesem “Brand”Brief vermittelt wird. Es ist keine direkte Botschaft, sondern eine unterschwellige. Ich kann nämlich nicht erkennen, wie diese Herren meinen, z.B. den Kaufkraftverlust des Einkommens (Jan’08: -2.8%, Feb.’08: -2.8%) einfangen wollen.
Ich hatte eben, vor den Nachrichten die Börseninfos auf ARD gesehen. Dort wurde gezeigt, in welchen Bereichen die Teuerung u.a. zuschlug. Es waren die Punkte Strom, Gas, Nahrungsmittel und Bildung. Besonders an den Wert der Kosten für Bildung erinnere ich mich, lag er doch mit mehr als 32% an der Spitze!
Ich halte dies für absolut fatal, wenn unter diesem Aspekt sieben Herren meinen, hier mit solch fadenscheinigen und in meinen Augen menschensverachtenden Argumenten den eigenen Status quo aufrecht zu erhalten. Und wenn es der ist, dass sie damit versuchen, ihre Institute in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, so nach dem Motto “Hey Leute, schaut mal her! Und gibt es auch noch.”
Ich werde in meinem Artikel auf jeden Fall auch auf dich verlinken und zur “Verstärkung” zusätzlich auch einen Träckbäck auf dich setzen. Damit können wir einen kleinen Teil unternehmen, unsere Positionen noch zu “verstärken”.
Eine Gefahr in dem Was-wäre-wenn besteht schon. Weil diese Wissenschaftler damit plausibel machen und Zustimmung wollen, wie alles so logisch ist. Vor allen Dingen fängt man damit die Zahlengläubigen, z. B. die Politiker, die sowohl zahlengläubig sind als auch von der Sache überhaupt nichts verstehen. Es läuft auf das hinaus: So hätten wir es gerne, d. h. die Wirtschaft und die Politsoldaten.
Ob die Teuerung die Löhne auffrist oder sie negativ zu Buche schlägt, interessiert diese Profs nicht. Es geht um die Maximierung der Rendite zum geringsten Aufwand (siehe auch den SWR2-Beitrag).
Die totale Ökonomisierung kennt weder Moral noch Ethik. Und darum ist sie menschenverachtend.