Sie reden Blech
7. März 2008 · Von ulp · Rubrik: PolitikOffensichtlich surrt einigen deutschen Zeitgenossen ziemlich Blech durch die Hirne: etwas sein wollen, Grösse, etwas Heldenhaftes, Tapferkeit.
Ehrenwerte Tradition?
Die Bundespolitik und Bundeswehr sind auf der Suche nach Blech, nach militärischer Blechsymbolik. Zur Debatte steht die Wiederbelebung des Eisernen Kreuzes oder Ähnliches als Auszeichnung für besondere Tapferkeit, worüber sogar der Independent berichtet. Anstössig, Vergangenheits belastet – das sagen die Gegner des Ansinnens.
Pathetischer tönt es seitens der Befürworter, die nach Argumenten suchen, um mit dem “X” das “U” vorzutäuschen. Pathetik macht sich immer gut, weil es das Herz erwärmt, den Augenglanz erhöht und den Glauben an Höherem festigt. An Pathetik lässt sogar Michael Wolffsohn nichts zu wünschen übrig, als ob er seinem Arbeitgeber, der Bundeswehruniversität in München, etwas schuldig wäre. Wolffsohn in Deutschlandradio Kultur (bzw. zum Nachhören):
[...] Das Eiserne Kreuz habe eine ehrenwerte Tradition, und er halte es für falsch, gute Traditionen zu brechen. “Das Eiserne Kreuz wurde gestiftet im Zeitalter der preußisch-deutschen Reformen. Das ist das Beste, was es außer der altbundesdeutschen Tradition in der bundesdeutschen Geschichte der letzten 200 Jahre überhaupt gab.” Hier sei der Geist der Aufklärung mit Gesellschaft und Politik verknüpft worden, betonte Wolffsohn. [...]
Das Beste was es gab
| Schickes Preussentum? |
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| Offensichtlich gibt es wieder “stramme” Kerlchen, die das Preussentum enorm schick finden – wenigstens dem Anschein nach. Dazu gibt es im Süddeutsche Zeitung Magazin einen langen Beitrag, in dem es heisst: |
| [...] Preußen kommt wieder: In Berlin ist es auf einmal schick, sich auf stramme Ordnung und historische Werte zu beziehen. Was soll der Quatsch? [...] |
| Vermutlich mit viel Blech was die Brust hält. |
Was für ein Blech dieser Mann – Michael Wolffsohn ist Historiker – doch redet. Die Stiftung des Eisernen Kreuzes sei “das Beste, was es außer der altbundesdeutschen Tradition in der bundesdeutschen Geschichte der letzten 200 Jahre überhaupt gab”. Wenigstens zwei Highlights der letzen 200 Jahre: Das Eiserne Kreuz und die altbundesdeutsche Tradition als Lebenselixier der Gegenwart? Das geht dem “Bürger Herold” nun doch zu weit.
Das Eiserne Kreuz war eine Kriegsauszeichnung, wurde also nur während Kriegszeiten vergeben. Womit Wolffsohn zu erkennen gibt, dass sich die Bundesrepublik im Krieg befindet. Dies stimmt sogar, denn die deutsche Bundeswehr ist in Afghanistan in der Tat ein Kriegsteilnehmer. Insofern kann der “Bürger-Herold” Woffsohns Plädoyer noch nachvollziehen, doch im Sinne vom “Geist der Aufklärung” eigentlich nicht.
Entkoppelte Politik und Gesellschaft
Mit dem Eisernen Kreuz sei “Aufklärung mit Gesellschaft und Politik verknüpft worden”, meint Wolffsohn. Ein grosser Bogen, den Wolffsohn da schlägt, eine Idealisierung eines Zustandes. Punktuell mag es eine Verknüpfung gegeben haben, auch heute noch, aber angesichts des politischen Geschehens besteht die Verknüpfung darin, dass die Politik bestimmt und nicht die Gesellschaft.
Was heisst das praktisch? Nicht die Bundeswehr hat bestimmt, dass sie in den afghanischen Krieg zieht. Die Gesellschaft wollte es auch nicht. Es waren deutsche Politiker, die über transatlantische Lügenmodelle Deutschland zum Kriegspartner in Afghanistan und zu Kriegshelfern an anderen Orten machten. Dies ist kein Beispiel der Verknüpfung von Gesellschaft und Politik, sondern ein Beispiel der Entkopplung von Gesellschaft und Politik. Nur so funktioniert politische und militärische Macht.
Sie fragen nicht
| Tod nach Vorschrift |
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| Aufschlussreich ist die Zentrale Dienstvorschrift “Innere Führung” der Bundeswehr vom Januar 2008, Absatz 505, Seite 19, in der es heisst: |
| [...] Der militärische Dienst, insbesondere in Führungsverwendungen, stellt hohe Anforderungen an die Persönlichkeit. Soldatinnen und Soldaten finden in den Grundsätzen der Inneren Führung Sicherheit für ihr Handeln. Denn der militärische Auftrag erfordert in letzter Konsequenz, im Kampf zu töten und dabei das eigene Leben und das Leben von Kameraden einzusetzen. [...] |
| Die Führungsverwendung heisst wohl in diesem Falle Befehl: Tote nach Vorschrift stellen keine Fragen mehr. |
Mit einer solchen Entkopplung erhält die Politik den nötigen Freiraum, um über Krieg zu entscheiden. Sie fragt dann nicht, wollt ihr in den Krieg, sondern setzt die Befehlskette in Gang, um Männchen bauende, Hacken schlagende Befehlsempfänger in Bewegung zu setzen. Wir meinen damit nicht nur Soldaten (siehe Kasten) im militärischen Sinne.
Die Aufklärung, historisch gesehen, spielt eine Nebenrolle. Die andere Aufklärung – wie warum, weshalb usw. – wird ersetzt durch patriotische und sonstige Floskeln. Gewissermassen der psychologische Faktor, um die Befehlsempfänger ein wenig bei Laune zu halten. Tapferkeitsmedaillen – ob sie nun Eisernes Kreuz oder anders heissen – dienen diesem Zweck. Dem”Bürger-Herold” muss Michael Wolffsohn nicht mit dem “Geist der Aufklärung” kommen.
Vorsicht. Vorsicht. Zumindest in Deutschland macht Prof. Wolffsohn, zwar selbst gern starke Bemerkungen, aber wehe wenn andere mit gleicher Münze zurückzahlen. Dann ruft er gleich die politische Polizei, dann muss verurteilt werden, wer den Wolffsohn kritisiert.
Allerdings ist er für eine direkte, selbst auf Mail beschränkte Diskussion zu feige. Er ist zwar gegen Gnade für Folter und eiserne Kreuze, aber zum beißen schickt er lieber andere.
Ich weiß nicht wie die Justiz in der Schweiz arbeitet. Ich hab den ersten Strafbefehl von dem Herren. So um die 800 Euronen. Deshalb Vorsicht.
Ach ja. Wenn er sich dann wieder mal zu weit aus dem Fenster gehängt hat, und die Menschen ihn nicht bejubeln sondern verdientermaßen kritisieren, dann ist er plötzlich ein verfolgter Jude.
Ob Wolffsohn sich vorstellen kann, was es bedeutet das er dieses eiserne Kreuz, das unter anderem vermutlich auch für die Erschießung von Juden in Polen und der Ukraine verliehen wurde, wieder reaktivieren will. War die Shoa, der Holocaust jetzt plötzlich nicht mehr so schlimm. Ich verstehe den Mann nicht und frage mich, ob er für seine Aussagen überhaupt noch verantwortlich zu machen ist.
Begreifen kann ihn auf jeden Fall wohl keiner mehr. Man könnte ja damit leben, das die Privatperson Wolffsohn solche Aussagen macht, aber er weist ja immer darauf hin, das er Historiker und Prof. an der Bundeswehruniversität in München ist, also praktisch für die Bundeswehr und das offizielle Deutschland spricht. Ich bin der Meinung das sich sowohl die Bundeswehr als auch der Staat von seinen Aussagen distanzieren sollte. Sagen darf er was er will, aber nicht mit diesem quasi amtlichen Hintergrund
Ja bitte, Michael Wolffsohn hat ja das freie Rederecht. Wer dieses Recht in Anspruch nimmt, muss mit einer freien Gegenrede rechnen. Dann haben wir die Möglichkeit, Sinniges oder Widersinniges miteinander zu vergleichen. Wolffsohn ist Historiker, der “Bürger-Herold” nicht. Das heisst jedoch nicht, dass Wolffsohns Meinung das A und O ist, unsere Meinung natürlich auch nicht. Aber Historiker haben nun mal kein Hoheitsrecht, die Geschichte allein zu interpretieren. Dafür gibt es verschiedene Gründe.
Falls Michael Wolffsohn mit unserer Widerrede nicht einverstanden ist, dann kann er ja hier kommentieren und seine Meinung verkünden.