Die Zeitung – das Internet

31. Oktober 2007 · Von ulp · Rubrik: Medien, Schreiber-Schlacht

Auch Frank Schirrmacher kann den Qualitätsjournalismus nicht herbeireden und dann ist er da. Er muss von Menschen praktiziert werden.

Unverzichtbar?

Ausgiebig widmet sich Klaus Jarchow in Medienlese Frank Schirrmachers (FAZ) Beitrag über Zeitung und Internet in der Süddeutschen Zeitung (SZ). Dazu schreibt Jarchow, er sei mit dem SZ-Beitrag intellektuell überfordert. Wir wollen Jarchows Meinung nicht speziell erörtern, aber dennoch zum Lesen empfehlen. Eine Überforderung muss nicht sein, wenn man den Schirrmacher-Beitrag etwas entpackt.

So, und jetzt zum Schirrmacher-Beitrag, zu seinen Problemen. Einerseits beschwört Schirrmacher die “gute alte Zeitung” und den Qualitätsjournalismus. Dazwischen verpackt er das Internet, das seiner Auffassung nach eine üble Erscheinung ist. Und darum sei die Zeitung unverzichtbar. Nicht nur wegen der üblen Internetauswüchse, sei die Zeitung unverzichtbar, sondern auch wegen der öffentlich-rechtlichen Medien, die nach dem Internet greifen.

Angst vor Bedeutungsverlust

Mit anderen Worten: Schirrmacher verkörpert stellvertretend für den klassischen Journalismus der Printmedien die Angst vor dem Fortschritt der Informationsvermittlung und vor dem Verlust der Meinungs- und Deutungshoheit.

[...] Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie das verzögernde Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation. Deshalb wird sie immer unverzichtbar sein. [...],

schreibt Frank Schirrmacher in der SZ. Das ist die Sicht des Verlegers, des Herausgebers oder des Journalisten. Allerdings erschliesst sich uns nicht, warum wegen der Kommentare, Rezensionen und Kritiken die Zeitung unverzichtbar sein soll.

Aus Lesersicht können wir sehr wohl auf eine Zeitung verzichten, hingegen nicht auf Kommentare, Rezensionen, Kritiken, Hintergrundberichte, Reportagen etc., falls es sich um Qualitätsjournalismus handelt. Dann spielt es für uns als Leser primär keine Rolle, über welche Schiene wir uns die Informationen holen.

Wieviel ist noch Qualitätsjournalismus?

Es gibt Heerscharen von Journalisten und unzählige Medien, die Journalistik betreiben. Doch wieviel davon ist noch Qualitätsjournalismus? Wir können diese Frage nicht beantworten. Aber wenn wir uns umschauen, stellen wir fest, dass der Qualitätsjournalismus geschrumpft ist. Frank Schirrmacher schreibt:

[...] Wer glaubt, dass sich, wie in Amerika gesehen, Redaktionen von Zeitungen einzig nach Rendite rechnen sollten – womöglich einer Rendite, durch die ein Kaufpreis kompensiert werden soll – wird erleben, dass die Zeitung ihr Denken, ihre Kreativität und Marktstellung verliert. [...]

Eine ziemlich naive Ansicht, die Schirrmacher vertritt. Die Praxis spricht doch eine andere Sprache. Die Medien, die Verlage werden nicht unter Renditezwang stehen, sondern sie sind bereits Objekt der Rendite mit all ihren Folgen. Und darum ist es bei vielen Medien seit längerem eine Realität: Denken, Kreativität und Marktstellung sind bereits verloren gegangen, weil sich die Kosteneinsparungen in Qualitätsverlust niederschlagen.

Ein neues Jahrzehnt?

Wenn Frank Schirrmacher das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus ausrufen will, so ist das sein gutes Recht. Dazu schreibt er:

[...] Jeder, der Augen hat zu sehen, wird erkennen, dass das nächste Jahrzehnt das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus sein wird; er schafft die Bindungskräfte einer medial disparaten Gesellschaft. Schon heute merken wir, dass die Durchschlagskraft, die der einzelne Artikel entfaltet, trotz Medienkonkurrenz ungleich größer ist als noch in den achtziger und neunziger Jahren. Das hat damit zu tun, dass in einem kommunikativen Chaos die verlässlichen Stimmen besser durchdringen. [...]

Der “Bürger-Herold” hat Augen, allerdings kommt er nicht zur selben Erkenntnis wie Schirrmacher. Wir würden gerne an dieses kommende Jahrzehnt glauben, aber es fällt uns schwer. Der gesamte Medienmarkt ist mehr denn je in Bewegung, die Finanzierung klappt nicht mehr so. Hinzu kommt, dass nicht wenige Medien nicht mehr frei von äusseren und inneren Unabhängigkeiten sind. Die verlässlichen Stimmen sind rar geworden. Darunter leidet der Qualitätsjournalismus, der im Verantwortungsbereich der Verlagshäuser liegt.

Zeitungs- und Internet-Instanz

Schirrmacher flechtet in seinen Beitrag die Schattenseiten des Internet ein und macht mit Recht auf die möglichen Auswirkungen auf jüngere Generationen aufmerksam. Die Debatte darüber ist notwendig – keine Frage. Wir wollen dies an dieser Stelle nicht ausdiskutieren, weil es ein anderes Thema ist. Aufgrund der Negativbeispiele konstatiert Schirrmacher,

[...] warum die Zeitungen gebraucht werden und was geschieht, wenn man die vermittelnden Instanzen der großen Zeitungen ignoriert. Es gibt keine schönere Herausforderung als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten. [...]

Auch in diesem Zitat spricht Schirrmacher wieder von der Zeitung und dem Internet. Der “Bürger-Herold” will keineswegs eine Chancenlosigkeit herbeireden. Aber dies ist keine Frage der Zeitung oder des Internet, sondern der Menschen, die Journalismus betreiben bzw. ihn ermöglichen.

Frank Schirrmacher kann den Qualitätsjournalismus nicht herbeireden und dann ist er da. Er muss von Menschen praktiziert werden. Sie, also die Qualitätsjournalisten, können zur Instanz werden – in der Zeitung, im Internet oder sonstwo. Wo sich die Leser bedienen, ist dann deren Angelegenheit. Nur: Die Medienprinzen und Medienzaren müssen nicht meinen, sie seien die einzige Instanz zur Meinungsbildung. Das ist ein Märchen.

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