Sprit statt Nahrung
28. August 2007 · Von ulp · Rubrik: UmweltBiosprit: Ein Leserbriefschreiber, was sein gutes Recht, ist erstaunt. Und der “Bürger-Herold” ist erstaunt über den Leserbriefschreiber.
Am eigentlichen Thema vorbei
Zimmer mit Einsicht hat gestern einen Beitrag puliziert, in dem es um Biosprit und dessen möglichen Folgen für die Menschheit geht. Lesenswert deswegen, weil mit einigen Links ein Thema angerissen wird, über das sich die wenigsten im klaren sind. Bitte den Beitrag selber lesen, was uns einen Kommentar erspart.
Der “Bürger-Herold” will jedoch das Thema nicht ganz verlassen, weil dem “Zimmer mit Einsicht” ein publizierter Leserbrief vorliegt, und zwar von der Biopetrol Industries AG, ein Unternehmen, das meint, der Biodiesel sei derzeit der bedeutendste nachhaltige Alternativ-Kraftsstoff. Der Leserbriefschreiber, was sein gutes Recht, ist erstaunt. Und der “Bürger-Herold” ist erstaunt über den Leserbriefschreiber.
Der Leserbriefschreiber holt gegen Nestlé aus und geht am eigentlichen Thema vorbei. Den “Bürger-Herold” interessiert das nur in zweiter Linie. Primär ist doch, was es mit dem Biosprit auf sich hat, nicht weil man aus vielen Feldfrüchten Ethanol gewinnen kann, sondern was das generell bedeutet. Im Leserbrief heisst es:
[...] Auch er [Anm. d. Redaktion: Peter Brabeck-Letmathe von Nestlé] sollte wissen, dass die fossilen Brennstoffe endlich sind und sich die Menschheit um regenerative Energien kümmern muss, da die verbleibenden fossilen Erdöl- und Erdgasvorkommen mehr und mehr in politisch instabilen Ländern liegen. [...]
Feldfrüchte: Opfergabe für die Biospritwirtschaft? (© ulp)
Vorprogrammierte Krisen?
Erstens handelt es sich nicht um regenerative Energien sondern um regenerative Rohstoffe, aus denen man Energie – z. B. Ethanol – gewinnen kann. Das Thema selbst ist bereits seit Jahren auf dem Tisch. “Erdöl- und Erdgasvorkommen mehr und mehr in politisch instabilen Ländern”? Ein Blick in die Weltkarte – zweitens – genügt um festzustellen, dass es sich mehrheitlich nicht um “mehr und mehr” handelt”. Bis auf Ausnahmen liegen die Vorkommen in Krisengebieten.
Wahrscheinlich handelt es sich nur deswegen um Krisengebiete, weil dort begehrte Rohstoffe vorkommen. Mitunter werden deswegen auch hie und da erbitterte Kriege geführt. “Regenerativer Rohstoff” tönt harmlos, weil er nachwachsen kann, wie Blümchen, die auch nachwachsen. Wenn in nachwachsenden Rohstoffen nur noch der “Segen” des Biosprits gesehen wird, die enorme Anbauflächen erfordern, dann gesellen sie sich zum Erdöl oder Erdgas – heiss begehrt und möglicherweise heiss umkämpft, eine Art Vorprogrammierung von Krisen.
Strapazierte Nachhaltigkeit
Das Schagwort “Nachhaltigkeit” soll helfen, Biosprit salonfähig zu machen. Deren Nachhaltigkeit muss man schon unter die Lupe nehmen -nicht nur biologisch gesehen. Riesenmonokulturen haben ihren Preis, ihr Monopol bringt den Rest der Natur ebenso aus dem Gleichgewicht, wie das Monopol von Riesenunternehmen, die sich der Monokulturen bemächtigen, den Markt. Aus dieser Sicht geht es weniger um eine Nachhaltigkeit für die Natur, sondern um die Nachhaltigkeit für die Bio-Energieerzeuger.
Es gibt noch einen anderen Aspekt für die beschworene Nachhaltigkeit – leider ein negativer Aspekt. Die Menschheit, als Gesamtheit betrachtet, ist nicht in der Lage, den Hunger von Hunderten Millionen Menschen zu beseitigen. Nicht, weil sie es nicht könnte, sondern weil sie daran gehindert wird. Und dies angesichts der Tatsache, dass Menschen Grosses vollbringen könnten. Die grossen Taten sind in Planung: Mais, Weizen usw. für Biosprit in grossem Ausmass für jene, die es sich leisten können. Die grosse Tat gegen den Hunger bleibt aussen vor.