Sonderbare Mantras
29. März 2011 · Von ulp · Rubrik: Kultur, PolitikEs ist schon sonderbare Mantras, von CDU- oder CSU-Politikern ständig zu hören, Deutschland sei ein Land christlicher Tradition. Peinlicher ist es jedoch, wenn man die Inhalte christlicher Tradition unter die Lupe nimmt.
Seltsamer „Missionseifer“
Sie sind nimmermüde, die Unionspolitiker, mit christlichem „Missionseifer“ zu verbreiten, Deutschland sei ein Land christlicher Tradition. So kürzlich der neue deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der laut Spiegel meint:
Die Prägung des Landes, der Kultur aus vielen Jahrhunderten, der Wertmaßstäbe, ist christlich-abendländisch.
Dieser Behauptung mag mancher Bürger zustimmen, sofern er diese Behauptung unbesehen übernimmt. Zudem ist diese Behauptung zu einer politischen Floskel, zu einem gedankenlosen Mantra verkommen, die entweder dazu dient, die christliche Tradition auf einen erhöhten Sockel zu stellen, oder alles, was nicht der christlichen Tradition entspricht, auszugrenzen, wenn nicht sogar zu diskreditieren.
Wenn man jedoch die christlich-abendländische Tradition hinterfragt und 2000 Jahre Geschichte mit einbezieht, dann müsste man einen hochroten Kopf bekommen, dann kann man – ausser christliche Fundamentalisten – auf solche Behauptungen nicht stolz sein.
War da was?
Ja, was war denn während vieler Jahrhunderte in deutschen Landen beziehungsweise im Abendland überhaupt los? Die katholische Kirche hatte sich mit der weltlichen Macht verbündet, nicht selten die weltliche Macht selber beansprucht, und ein Regiment des Schwertes und der Unterdrückung geführt. Im Rahmen dieser Tradition wurden sogenannte Kreuzzüge, sogar Kinderkreuzzüge durchgeführt, Menschen wurden ermordet, weil sie mit dem Glauben haderten, Antisemitismus war an der Tagesordnung. Einzelfälle? Nein, vernichtender Katholizismus mit System.
Und wer jetzt glaubt, die Reformation des 16. Jahrhunderts hätte einen Wandel gebracht, der täuscht sich. Martin Luthers Thesen waren zwar gut gemeint, aber in der Praxis hetzte er gegen die Juden und war an einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wenig interessiert (Luther: „Seid untertan der Obrigkeit “).
Bis in die Neuzeit
Und Christen unter sich waren sich auch auch spinnefeind, in deren Folge ein Dreissigjähriger Krieg und die Hugenottenkriege entstanden. Zusammenfassend könnte man sagen, das sei alles lange her. Eben nicht: An der Hitler-Diktatur waren Christen beteiligt, irische Katholiken und Protestanten sind aufeinander los, Christen führen heute noch Kriege, überhebliche Christen sind es, die gegen Moslems hetzen oder gegen sie ins Feld ziehen.
Nein, die christliche Tradition, die von geschichtsausblendenden C-Politikern empor gejubelt wird, ist kein Ruhmesblatt, auf das man stolz sein könnte. Die politischen Mantras zu christlichen Tradition sind ebenso wenig hilfreich wie ihre Wertebeteuerungen.