Politischer Missbrauch der Sprache

26. November 2009 · Von ulp · Rubrik: Aktuell, Medien, Politik

Schlimm wird es dann, wenn die Sprache politisch missbraucht wird – politisch, ideologisch oder religiös). Der Missbrauch ist leider eine Tatsache.

Missbrauch nicht nur durch Marktradikale

“Sprache ist immer politisch”, so steht es im Vortext im lesenswerten Beitrag Schreiben, was ist (via Facts). So radikal kann es der “Bürger-Herold” nicht ausdrücken, weil die Sprache genügend Spielraum lässt, sie unpolitisch zu verwenden. Aber unsere Sprache kann sehr anfällig sein, d. h. im Gebrauch der Sprache selber (z. B. Verwendung von Wörtern zum Kaschieren) und/oder in der Interpretation (Stichwort “in den falschen Hals bekommen”). Schlimm wird es dann, wenn die Sprache politisch missbraucht wird – politisch, ideologisch oder religiös). Der Missbrauch ist leider eine Tatsache.

Zwar verwendet Wolfgang Storz in seinem Beitrag öfters den Begriff “Marktradikalen”. Aber es sind nicht nur die Marktradikalen, die über die politische Verbiegung der Sprache Bescheid wissen. Viele Politiker – sie müssen nicht zwingend marktradikal sein – wissen haargenau, wie sie damit umgehen. Einige davon beherrschen die Verbiegung meisterhaft, und manche stellen sich dabei sehr lächerlich an.

Eine Einbahnstrasse

Wir als Leser oder Zuhörer haben ein Problem, weil die (macht)politische Kommunikation in der Regel eine Einbahnstrasse ist und die Absender (Politiker) davon ausgehen, dass die Empfänger (Leser, Hörer) alles glauben. Hinzu kommt unsere Interpretation, die in der Regel subjektiv ist. Wolfgang Storz schreibt:

Das Denken der Gesellschaft, die öffentliche Meinung und die in den Massenmedien veröffentlichte Meinung prägt derjenige, der seine Sicht der Wirklichkeit durchsetzen kann, der bestimmt, was für den Mainstream Wirklichkeit ist. Wirklichkeit gibt es in vielen Fassungen: Jeder Mensch deutet sie aufgrund seiner Erfahrungen, seiner Bedürfnisse, seiner Wünsche – und damit jeweils anders als die anderen. Wirklichkeit wird ausserdem von gesellschaftlicher Kommunikation und von Normen konstruiert, die wiederum von handfesten Interessen durchsetzt sind.

Mit der Wirklichkeit ist es also ziemlich kompliziert. Vielleicht sollte man die Wirklichkeit als solche nicht so bezeichnen, sondern eher als Geflecht von Stückwerken, von denen es beispielweise Politiker gerne hätte, dass sie die Wirklichkeit wiedergeben, aber am Ende nicht anderes als Konstruktionen sind[1]. Nicht selten bauen solche Konstruktionen auf Unwirklichkeiten auf, manchmal auf Lügen. Das Unglückliche daran ist, dass dabei viele Medien ihrer Rolle nicht mehr gerecht werden.

Macht über uns selbst

Wolfgang Storz stellt mit Recht die Frage: “Wer hat die Möglichkeit, die Wirklichkeit dominierend zu deuten?”. Die Leser und Zuhörer hätten diese Möglichkeit, aber viel Macht haben sie nicht, weil ihnen die Kommunikationskanäle zu den Absendern weitestgehend versperrt sind. Eine gemeinsame Plattform im grösseren Stil haben Leser und Zuhörer ebenso wenig wie eine schwergewichtige Lobby. Insofern bleibt Lesern und Zuhörern momentan nur der Ausweg übers Einzelkämpfertums, falls diese die Arbeit auf sich nehmen.

Aber uns Lesern und Zuhörern bleibt die Macht über uns selbst, nämlich ob wir den politischen “Wirklichkeiten” Glauben schenken oder nicht. Allerdings genügt es nicht, den Politikern und ihren Artverwandten aus Prinzip etwas nicht zu glauben. Dazu müssen wir die Arbeit auf uns nehmen, uns auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Richtungen zu informieren. Heutzutage haben wir solche Chancen wie nie zuvor. Dadurch besteht die Möglichkeit, gezielte Fragen zu erarbeiten und Antworten zu finden. Macht über uns selbst heisst, dass die Macht niemand anders übernehmen kann.

Fussnoten:

  1. siehe auch das Zusammengereimtes von Wolfgang Schäuble

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