Merkels Nightmare
4. November 2009 · Von ulp · Rubrik: Politik, WirtschaftDie Kanzlerin-Rede vor dem amerikanischen Kongress war etwas für den Sonntag, aber politisch nicht besonders bewegend. Wahrscheinlich liegt das daran, weil die Welt alles schon einmal vernommen hat. Aber es war eine Rede, die dem Kongress gefallen hat.
Nicht in der Bildersammlung
Ob Angela Merkels Fotoalbum wirklich so interessant ist, soll jeder Betrachter selber entscheiden. Über ihr Album – eine Selbstdarstellung – heisst es:
Von der Pfarrerstochter aus der Uckermark zur Kanzlerin aller Deutschen – der Aufstieg von Angela Merkel ist reich an interessanten und bewegenden Stationen. Ein Blick in ihr privates Fotoalbum beweist dies.
Das Album beweist jedoch nicht alles. Dass Merkel gemäss einer Biografie
FDJ-Leitungsmitglied, bis 1984 FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda
war, das gehört nicht zur Bildersammlung der "Strahle"-Kanzlerin, die gestern vor dem amerikanischen Kongress reden durfte. Nein, den teilweise überschwänglichen Medienurteile ihrer Rede kann der "Bürger-Herold" nicht zustimmen.
Nicht gerade bewegend
Die Kanzlerin-Rede war etwas für den Sonntag, aber politisch nicht besonders bewegend. Wahrscheinlich lag es daran, weil die Welt alles schon einmal vernommen hat. Aber es war eine Rede, die dem Kongress gefallen hat: Die Story vom DDR-Mädchen zur Bundeskanzlerin, ihr "American Dream", der Lobgesang auf die Vereinigten Staaten, überbordende "Thank You", Beschwörung von Freiheit. Das gefällt den Show gewohnten Amerikanern.
Als Zugabe gabe es in der Rede noch ein bisschen Klima, Finanzkrise, Afghanistan, Iran, Israel, Weltordnung, Globalisierung und "Mauern einreissen" – so ungefähr das Repertoire der Bundeskanzlerin, verkauft als Visionen. Irgendwie wird der "Bürger-Herold" das Gefühl nicht los, dass sich Angela Merkel mehr als Weltenbaumeisterin als Gestalterin der inländischen Bedürfnisse versteht. Der Vorteil: Merkel kann aussenpolitisch punkten, innenpolitisch sind es dann die Anderen, die für Bruchstücke sorgen. Lesenswert auch die NachDenkseiten, die sich kritisch mit der Merkel-Rede befassen:
Bevor man allerdings die Kanzlerin jetzt in den Himmel hebt, sollte man ein paar irdische Tatsachen und vor allem die Inhalte der Rede nicht ganz außer Acht lassen.
| Andere freuen sich |
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| Während sich in der Bundesrepublik Entsetzen breit macht, freuen sich andere über die jüngste Opel-Entscheidung. |
| Es sei eine fantastische Nachricht, tönt es aus Grossbritannien, weil die Zerschlagung von General Motors verhindert werde. Und in Polen mutmasst man, dass sich die Zunkunft des Standortes Gleiwitz verbessere. (Quelle: Deutschlandfunk). |
Ausgeträumt
Ja, und das mit Merkels "American Dream" hat auch nicht so geklappt. Bereits auf dem Rückflug schlägt die "Bombe" ein, lässt ihren Dream zur Nightmare werden. Das deutsche politische und Merkels Retterheldentum findet ein abruptes Ende: General Motors will Opel nicht aus den Händen geben, und mancher deutscher Politiker, der Opel retten wollte, steht jetzt mit abgesägten Hosen da. Dafür können sich die Politiker in die Brust werfen und Empörung zeigen. Jetzt hagelt es an Kritik, wie
GM lasse „die Arbeitnehmer im Regen stehen“. Das Verhalten des US-Konzerns zeige „das hässliche Gesicht des Turbokapitalismus“ und sei „völlig inakzeptabel“.
Sicherlich kann man sagen, GM zeige „das hässliche Gesicht des Turbokapitalismus“. Doch wenn wir ehrlich sein wollen, ist GM nur ein stellvertretendes Beispiel, denn die negativen Seiten des Turbokapitalismus wüten in allen Wirtschaftsbereichen – auch in Europa, in Deutschland usw. Das GM-Beispiel zeigt auch, wie die Wirtschaft die Politik nur als nützlichen (Gold-)Esel benützen, sie als Schutzeinrichtung vor Arbeitnehmer- oder gesellschaftlichen Forderungen missbrauchen kann.
Mag sein, dass die Bundesregierung gravierende Fehler begangen hat, aber wenn es um den eigenen Vorteil der Unternehmen geht, dann bleiben politische Wunschträume der Regierenden aussen vor. Merkel & Co. haben das nicht kapiert! Und sie werden es auch nicht kapieren, so lange sie daran glauben, der freie Markt werde alles richten. Mal gucken, was Bundeskanzlerin Merkel und ihr Gefolge jetzt als Schutzschirme verkaufen wollen.