Hin zum “neuen Menschen”?
13. Februar 2009 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, WissenDie Wissenschaft weiss viel über Gene, wie sie Gesundheit und Krankheit beeinflussen. Und die Wissenschaft glaubt, einiges über die Verantwortlichkeit von Genen für menschliches Verhalten zu kennen.
Gene für alle Fälle
Es treffen sich zwei Gene. “Hallo”, fragt das eine Gen das andere, “Du siehst so abgezockt aus. Was ist los?” “Oh”, entgegnet das andere Gen, “ich gestalte gerade die Finanzkrise.” Das andere Gen zum einen: “Und Du, hast Du Grund zum Fröhlichsein?” Das eine Gen zum anderen: “Na klar, ich mache immer einen auf Alpha.” Banaler Einstiegsdialog zu einem Thema, das eher besorgniserregend ist als Spass verteilend.
Wir bleiben heute mal bei den Wissenschaftlern, welche die Gene zu Feldversuchen – nein, nicht auf dem Acker – zusammentrommeln und ihnen Veranwortungen zuweisen, wie Gottes-Gen, für Parties, für Armut und Reichtum, Gene für die Macht und Ohnmacht, Gene für alle Fälle. Eines versteht der “Bürger-Herold” ganz bestimmt: Gäbe es unsere meschlichen Gene nicht, dann wäre sich die Menschheit vermutlich selber los.
Gene in der Krise
Ali Arbia schrieb über eine aufgestellte These, “dass politische Orientierung ebenfalls genetische bestimmt ist”, getestet an ein- und zweieiigen Zwillingen. Jürgen Schönstein findet solche Thesen, wie soziales Verhalten oder politische Partizipation, “einfach zu brisant, wenn nicht gar beängstigend”. Dieses Beispiel ist nur ein einzelner Ausschnitt aus vielen Erklärungsversuchen, menschliche Verhaltensweisen bestimmten Genen zuzuschreiben. Der neuste Gen-Hit ist die Finanzkrise. Florian Rötzer in Telepolis:
[...] Was oder wer ist verantwortlich für die Finanzkrise? Die Gier? Der hemmungslose Kapitalismus? Wissenschaftler der Northwestern University bringen nun in einer Studie, die in Plus One erschienen ist, die Antwort: es sind die Gene, die Banker und Spekulanten veranlassen, sich ins Risiko zu stürzen (was sie ja allerdings zumindest kurzfristig belohnt und den Anderen schadet, die das Schlamassel aufräumen müssen). [...]
Gentherapie für Politiker?
“Brisant” und “beängstigend”, meint Schönstein. Es gibt viele Gründe, sich dieser Meinung anzuschliessen. Der “Bürger-Herold” fragt auch nach der Zielsetzung solcher angeblicher Forschung. Befriedigung der menschlichen Neugier, über die Grundlagen Bescheid wissen, das wäre eine mögliche Antwort. Doch wie bekannt, gibt es wiederum andere (industrielle) Forschungskreise, die am “Geist aus der Flasche” partizipieren und von ihm profitieren wollen. Dies ist ein Grund zur Beängstigung.
Rötzers Frage, die da lautet, “Brauchen wir also anstatt einer politischen Lösung eine Gentherapie?”, ist keine unsinnige Frage. Diese Frage, nicht auf die Poilitik gemünzt, steht schon lange im Raum. Der uralte Traum vom perfekten Menschen tönt sehr höflich, die Vision vom (gen)manipulierten Menschen, die dem Gusto der Macht entsprechenden Ja-Sager und Willigen, wäre schon präziser. Aber darum geht es.
Lange Kette der Eugenik
Die Wissenschaft will “Ordnung schaffen im Genom”[1], denn Gene sind In, nicht nur aus medizinischen Gründen. Sie versprechen Milliardenmärkte für die Pharmaindustrie einerseits und darüber hinaus eine eugenische Spielwiese der neuen Art andererseits. Das, was vor mehr als 100 Jahren unter dem Begriff “Eugenik”[2][3] mit Irrglauben und Rassenvorstellungen begann, in der Geschichte zu schlimmsten Auswüchsen geführt hat, führt heute ein Dasein im neuen Gewand, genannt “neue Eugenik”. Eine lange Kette!
Die Wissenschaft weiss viel über Gene, wie sie Gesundheit und Krankheit beeinflussen. Und die Wissenschaft glaubt, einiges über die Verantwortlichkeit von Genen für menschliches Verhalten zu kennen. Insofern haben wir es neben der medizinisch-biologischen begründeten mit einer möglicherweise erweiterten, auf das menschliche Verhalten begründeten neuen Eugenik zu tun.
Menschheit umgestalten
In einem Debattenbeitrag zum Lebensdesign und zur neuen Eugenik schreibt Motomu Shimoda, Osaka University Graduate School of Medicine (Erscheinungsjahr ist uns unbekannt):
[...] Das Bestreben geht dahin, nicht bloß menschliche Körper neu zu modellieren, sondern die Menschheit als solche umzugestalten. Damit verbunden sind gewisse Ideal- und Wertvorstellungen von Mensch und Gesellschaft. Es scheint so, als herrsche die Vorstellung über eine Art Verschlechterung der genetische Qualität vor, nämlich die Vorstellung, der Genpool des Menschen habe durch öffentliche Gesundheitsfürsorge, Sozialstaatlichkeit und medizinischen Fortschritt Schaden genommen, denn diese sozialmedizinischen Errungenschaften hätten das Überleben und den Reichtum von genetisch Minderwertigen gesichert. [...]
Eine dritte Evolution?
Die Formulierung in diesem Debattenbeitrag hört sich sehr drastisch. ist jedoch nicht realitätsfrend. Heute haben wir es mit zwei Evolutionen zu tun. Die erste ist die natürliche Evolution der Anpassung und Veränderung der Lebensgene. Die zweite Evolution wäre eigentlich eine Revolution, die medizinisch gewollte Veränderung von Lebensgenen. Die Grenze dazwischen ist unserer Meinung nach ziemlich porös.
Wenn sich unsere Befürchtungen – nicht nur unsere – irgendwann bewahrheiten, dann könnten wir es mit einer dritten Evolution zu tun haben, nämlich mit gewollten, gengesteuerten Veränderung menschlicher Verhaltensweisen. Auch hier ist die Grenze zur medizinisch gewollten Genveränderung sehr porös. Wie in der Medizin werden sich “Herren der Schöpfung” finden lassen, die zum angeblichen Wohl der Menschheit arbeiten. Zum Schluss noch ein Google-Suchergebnis – “gene found” – zu einem Thema, dass gerade erst beginnt.
Fussnoten:
- Ordnung schaffen im Genom
- Wikipedia: Eugenik
- Deutsche Enzyklopädie: Eugenik