Illusion einer Trennung

3. Februar 2009 · Von · Rubrik: Kultur, Politik

“Guter Rat ist teuer”, sagt man. In diesem Falle erteilt Ludwig Greven in der “Zeit” allerdings einen billigen Rat.

Billiger Rat

Was Ludwig Greven in einem aktuellen “Zeit”-Beitrag schreibt, lohnt sich einer näheren Betrachtung. Ob es sich um “Merkels falsche Einmischung” handelt, wie der Titel verspricht, ist dem “Bürger-Herold” ziemlich egal. Angela Merkels Kommentar[1] ist lediglich eine Wiederholung von Kommentaren, ein Nachlauf von Hunderten Kommentaren[2][3], die in den letzten Tagen über die Bühne gelaufen sind. Aber es könnte ihrer Wiederwahl dienlich sein. Andererseits: Auch Merkel darf ihre Meinung äussern.

Interessant ist, warum Greven Merkels Einmischung als bedenklich einstuft. So schreibt der Autor:

[...] Und natürlich erregen und empören sich gerade deutsche Christen besonders über die offenkundige Fehlentscheidung Benedikts, weil er ein “deutscher Papst” ist. Dennoch: Es ist und bleibt eine rein innerkirchliche Diskussion, in die sich die Politik nicht einmischen sollte. [...]

Immer die falsche Antwort
Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel vom Papst eine eindeutige Erklärung verlangt, so ist es nachvollziehbar, aber die vatikanische Antwort erfolgt[4][5] prompt über ein Sprachrohr. Wir denken, kirchliche Vertreter und der Papst haben genug gesagt, dass für sie die Holocaust-Lüge inakzepabel ist.
Der “Bürger-Herold” meint, dass die Forderung an den Papst falsch gestellt worden ist und deshalb keine klare Antworten erhältlich sind.
Unsere Frage lautet: Ist es tragbar und akzeptabel, dass ein Holocaust-Lügner in den Reihen der katholischen Kirche weilt (wieder aufgenommen wird), in einer Kirche, die Moralansprüche erhebt, sich überall einmischt? Unsere Antwort heisst “Nein”. Aber unsere Antwort ist nicht massgebend.

“Guter Rat ist teuer”, sagt man. In diesem Falle erteilt der Autor allerdings einen billigen Rat. Es ist eben keine innerkirchliche Diskussion, weil sich die Ex-Exkommunikation vor den Augen der Weltöffentlichkeit abspielt. Und es geht ja nicht um eine Allerwelt-Ex-Exkommunikation, sondern um eine solche eines Holocaus-Lügners.

Nur eine innerkirchliche Diskussion?

Wäre es eine rein innerkirchliche Diskussion, dann müsste Merkel schweigen, der Staat Israel müsste den Mund halten[6], und jeder Bürger dieser Welt, der nicht zur katholischen Kirche gehört, dürfte seine Stimme nicht erheben.

Etwas anderes hat Greven auch nicht gemerkt. Es sind nicht nur deutsche Christen, die empört sind[7][8]. Es handelt sich keineswegs um ein deutsch-katholisches Problem, weil der Papst ein Deutscher ist. Die Papst-Entscheidung hat mehr als eine Milliarden Katholiken ein Problem eingefahren und die Welt düpiert.

Die grosse Illusion

Weiter schreibt Ludwig Greven:

[...] “Kirche und Staat sind bei uns getrennt” [...],

um die “staatliche Unrechtmässigkeit” der Kanzlerin zu untermauern. Wie bitte? Dem deutschen Grundgesetz nach mag das stimmen, aber gemessen an der Praxis sind die grossen Amtskirchen ziemlich stark mit dem Staat unzertrennlich verwoben. Z. B. zieht der Staat Zwangssteuern für die Kirchen ein, das Reichskonkordat mit der katholischen Kirche von 1933[9] ist praktisch nie abgeschafft worden. Nach unserem Kenntnisstand schiesst der deutsche Staat den Amtskirchen sogar zum Ausgleich noch Geld nach, obwohl deren Mitgliederzahlen über die Jahre gesehen rückläufig sind. Die Trennung von Kirche und Staat, mit der Greven argumentiert, ist eine Illusion.

Ein kurzer Blick auf die internationale Szene: Letztes Jahr regte der Papst in Frankreich vorsichtig an, ob nicht eine Lockerung der Trennung von Kirche und Staat möglich sei[10]. Oder vor Jahren hat der Vatikan harsche Kritik am Verfassungsentwurf der Europäischen Union geübt[11]. Ja, und in Brüssel fischt, was kein Geheimnis ist, die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) in Tarnfarben politisch mit[12].

Fussnoten:

  1. Merkel fordert Papst zur Klarstellung auf
  2. Katholisches Krisenmanagement
  3. Seltsames Rumeiern
  4. Vatikan lässt Merkel abblitzen
  5. Vatikan: Die Haltung des Papstes zum Holocaust ist eindeutig
  6. Israel droht Vatikan mit Abruch diplomatischer Beziehungen
  7. Schock im Geburtsland des Piusbruders Lefèbvre
  8. Pope’s decision on Holocaust priest criticised
  9. Reichskonkordat
  10. Benedikt XVI.: Trennung von Kirche und Staat lockern
  11. Kritik des Vatikans an EU-Verfassungsentwurf
  12. Commissio Episcopatuum Communitatis Europensis

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