60 Jahre Hoffnungslosigkeit

30. Dezember 2008 · Von ulp · Rubrik: Weltkonflikte

Wie die Kanzlerin eine Beurteilung von Nahost vornimmt, ist ihre Entscheidung. Man muss sie nicht teilen.

Staasräsonierende Merkel

Es ist ja nichts anderes zu erwarten, wie der Spiegel aufgrund von Agenturmeldungen berichtet, dass der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einer Meinung sind, nämlich dass die Verantwortung

[...] “eindeutig und ausschließlich” bei der Hamas liege. [...]

Gemeint ist die israelische Militäroffensive gegen die Palästinenser im Gaza-Streifen. “Eindeutig und ausschließlich”? So ganz lässt der “Bürger-Herold” das nicht stehen. Einerseits liegt die Verantwortung der Raketenangriffe der Hamas in Richtung Israel bei der Hamas. Andererseits zeichnen israelische Entscheider für die israelische Offensive, die faktisch ein Krieg ist, verantwortlich. Wir haben es also mit zwei Verantwortlichkeiten zu tun.

Kanzlerin lässt ausrichten

Weiter lässt die Kanzlerin ausrichten, wie das Magazin berichtet:

[...] “Die Bundeskanzlerin legt Wert darauf, dass bei der Beurteilung der Situation im Nahen Osten Ursache und Wirkung nicht vertauscht werden oder Ursache und Wirkung nicht in Vergessenheit geraten” [...]

Moment einmal: Wie die Kanzlerin eine Beurteilung von Nahost vornimmt (siehe Kasten), ist ihre Entscheidung. Doch als Bürger, gewissermassen als Beobachter, muss man diese Beurteilung nicht teilen.

Fatale kategorische Schuldzuweisung
ulp – Der “Bürger-Herold” geht einmal davon aus, dass Bundeskanzlerin Merkel nicht viel darüber weiss, was sich tatsächlich im Nahen Osten abspielt. Zudem müssen sich politische Meinungen nicht mit der Realität decken. Wenn Merkel die Nahost-Situation bewertet, dann ist auch eine Bewertung von Merkels Aussage angebracht.
Wenn Angela Merkel eine kategorische Schuld zuweist, so ist dies der Gesamtsituation nicht förderlich. Sie nimmt als Aussenstehende Partei für Israel und, so könnte man interpretieren, legitimiert, was sie nicht explizit sagt, damit die israelische Militäroffensive.
Was Merkel nicht berücksichtigt: Jede Gewaltaktion, egal von welcher Seite, erzeugt neuen Hass und weitere Gewalt. “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, wie es in der Bibel steht, ist bestens dazu geeignet, die gegenseitige Gewalt hochzuschaukeln und ein Wirrwarr von Ursachen und Wirkungen entstehen zu lassen.

60-Jahre-Zeitfenster

Das zweite Zitat ist insofern wichtig, weil es um Ursache und Wirkung geht. Merkel geht von der aktuellen Situation aus: In diesem Falle kann man bei den nicht akzeptablen Hamas-Angriffen von einer Ursache sprechen. Die israelische Reaktion – ein Akt der Gegenwehr – ist die Wirkung, aber es sind ebenfalls Angriffe. Ursache und Wirkung, zwei Verantwortungen!

Doch wenn man Ursache und Wirkung nicht vergessen sollte, wie Merkel meint, dann kann man bei den aktuellen Geschehnissen – ein kleines Zeitfester – nicht stehen bleiben. Der Nahostkonflikt ist in erster Linie eng mit mit Isralis und Palästinensern verbunden. Und dies seit der Staatsgründung Israels vor 60 Jahren. Während diesen 60 Jahren hat es so viele Ursachen und Wirkungen gegeben, die in einer Wechselwirkung von beiden Seiten stehen. Mit anderen Worten: Angela Merkel hat nicht begriffen, wie der nahe Osten seit 60 jahren funktioniert.

Unrühmliche Nahost-Geschichte

Durchleuchtet man wirklich 60 Jahre Zeitgeschichte des modernen Israels als Staat, so gleicht die Frage nach Ursache und Wirkung jener bekannten Frage, ob nun das Huhn oder das Ei zuerst da waren. Diese Frage gilt auch für die Palästinenser, obwohl deren Zeitgeschichte mit der von Israel in keinster Weise vergleichbar ist.

Jahrzehnte baut Israel seinen Staat auf, während sich bei den Palästinensern die Hoffnungslosigkeit steigert. Einmal sind diese die Angreifer und jene die Verteidiger. Und dann umgekehrt. Zahlreiche Wiederholung in 60 Jahren, Hass und Gegenhass, relative Ruhe und Eskalation, guter Wille und Bösartigkeiten, Kriege und Waffenstillstände, Propaganda und Gegenpropaganda.

Dazwischen schwadroniert ein hilfloser Westen, der nicht erreicht hat, und es agieren nahöstliche Akteure, die sich nichts schuldig bleiben. Es geht um eine Mehrzahl an Menschen, die leben und lieben wollen. Sie befinden sich auf dem Opfertisch jener, die ein grosses Interesse daran haben, damit die Völker nicht friedlich nebeneinander auskommen sollen. 60 Jahre, das sind mehrere Generationen zwischen Hoffen und Bangen. Wieviele Generationen noch?

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