Abrackern für wen?

17. Dezember 2008 · Von · Rubrik: Politik, Wirtschaft

Bekanntlich gibt es genug Zeitgenossen aus der Wirtschaft, die mit Hilfe der Politik die Arbeitswelt am liebsten in Vorkriegs- und sonstige Zeiten zurückkatapultieren möchten – und zwar mit Tricks.

Bedenklicher Vorstoss
Die wöchentliche Arbeitszeit kann man sicherlich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.
Wer sich freiwillig für Höchstarbeitszeiten entscheidet, der muss mit sich selber vereinbaren, ob sie seiner Gesundheit und Psyche gut tun oder ob er möglicherweise als ausgelaugter Frührentner endet. Solche Fragen kann man nicht verniedlichen, selbst wenn es sich finanziell lohnt.
Beim Vorstoss der Arbeitsminister geht es allerdings nicht um Freiwilligkeit, sondern um Regeln, von denen die Arbeitnehmer mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht profitieren. Zwar lautet die Norm 48 Stunden in der Woche, aber die Ausnahme könnte schleichend zum neuen Standard werden. Das dürfte der Grund sein, warum sich gerade  Grossbritannien und Deutschland gegen den Parlamentsbeschluss stemmen.

Niederlage des neoliberalen Geistes

Ist es Wahnsinn, 65 Stunden in der Woche zu arbeiten? Mitte des Jahres war der Stand der Dinge, dass sich die Arbeitsminister der 27-EU-Staaten darauf einigten, unter bestimmten Bedingungen 65 statt 48 Stunden Wochenarbeitszeit zu ermöglichen[1]. “Unter bestimmten Bedingungen” war eine Kompromissregelung, quasi keine Regel ohne Ausnahmen, und zwar auf Dauer. Der deutsche Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hatte diesen Kompromiss unter heftiger Kritik seinerzeit sogar begrüsst[2].

Vor allen Dingen dürften jetzt die neoliberalen Freunde bitter enttäuscht sein, denn die Schlacht um die 65-Stundenwoche hat im Europäischen Parlament eine Wende genommen[3][4]. Das Europäische Parlament hat heute den Vorstoss der europäischen Arbeitsminister[5] mit Mehrheit abgewiesen, wolle aber eine Ausnahmeregelung für drei Jahre zulassen. Offensichtlich soll jetzt ein Vermittlungsausschuss für einen neuen Kompromiss sorgen.

Fussnoten:

  1. Arbeitszeit: EU erlaubt bis zu 65 Stunden pro Woche
  2. Gewerkschafter mobilisieren gegen 65-Stunden-Woche
  3. Auch Politiker haben eine 65-Stunden-Woche
  4. Arbeitszeit: Wo liegen die Grenzen der Belastbarkeit?
  5. EU-Bürger sollen nur noch 48 Stunden arbeiten

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4 Kommentare
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  1. [...] Offensichtlich soll jetzt ein Vermittlungsausschuss für einen neuen Kompromiss sorgen.Quelle: Bürger-Herold Geschrieben von buerger in Deutschland, Europa um 17:36 | Kommentare (0) | Trackbacks (0) Tags [...]

  2. Hmmm… Bürger,
    wenn ich mich daran erinnere, dass NOKIA an seinem neuen Werkssitz in Rumänien die reguläre Arbeitszeit ändern wollte, dann passt das alles irgendwie zusammen. Ich werde jetzt mal deinen Links folgen; sollte sich mein Verdacht bestätigen, dann weiß ich, welcher Partei ich bei der nächsten EU-Wahl im Jahr 2009 auf KEINEN Fall meine Stimme geben werde.

  3. Noch was: das mit der 65-Stundenwoche war aber schon im Juni 2008 aktuell:
    Die Gewerkschaften sind schlimmer als Schnarchnasen

    Und das Datum des Artikels, auf den du dich beziehst, ist auch aus der Zeit…

  4. Zu 3. – Hallo Martina, danke für die Aufmerksamkeit, allerdings habe ich in meinem Artikel von Mitte des Jahres geschrieben. Das war die Zeit, als sich die EU-Arbeitsminister zusammengerauft haben.

    PS: Ich habe mir erlaubt, den “Schnarchnasen”-Link anders darzustellen.