Beten für B.
1. Dezember 2008 · Von ulp · Rubrik: Politik, SVP & Co.Auch Roger Köppel von der “Weltwoche”, im Boot der Medien sitzend, lebt von steigenden Auflagen und Inseraten, falls es sie noch gibt, und von Blocher-Schlagzeilen. Lediglich eine Frage des Vorzeichens!
Vorbeugende Trauerarbeit
Chefredaktor Roger Köppel von der “Weltwoche” übt sich – vorbeugend – in Trauerarbeit, wenn er in seinem Editorial schreibt, die Schweizerische Volkspartei (SVP) werde zu einer Partei, die sie früher nie werden wollte. Ja, was meint denn Köppel mit “früher”? Die “gute alte Zeit”? Oder die SVP-Zeit vor Christoph Blocher, während Blochers Höhepunkt oder die Zeit danach? Nun gut, dem Protagonisten im Mehrakter, Christoph Blocher, soll ein langes Leben beschieden sein.
Von der Bühne wird Blocher so schnell nicht verschwinden. Entweder erlebt die Schweiz einen Blocher “reloaded”, was wir nicht hoffen, oder einen Blocher als Souffleur, was auch nicht ungefährlich ist. Denkbar ist, dass er eines Tages im Orchestergraben verschwindet und von dort aus die Musik macht. Liefe das theatrale Geschehen vor leeren Rängen ab, wären weder Christoph Blocher noch die SVP ein nennenswertes Problem. Doch die Zuschauersäle sind immer voll, unter anderem gefüllt mit mitspielenden Deuteragonisten, Tritagonisten und Agonisten x-ten Grades.
Wendiger Chefredaktor
Klar, die Medien, an ihrem kritischen Blick glaubend, sitzen in den vordersten Reihe, berichten treuherzig von Sumpf und Triumpf der rechtskonservativen SVP. Dem Protagonisten kann es nur recht sein, denn so bleibt er im Gerede, mal niederschmetternd, mal jubilierend. Klar, die “Weltwoche” ist mit von der Partie, dank Blocher-Sympatisant Roger Köppel im besonderen Masse. Medienlese ist da höflicher als wir:
[...] Einer der wenigen Journalisten, die sich erlaubt haben, aus dem Antipathie-Mainstream auszutreten und den mitunter brillanten Blocher auch mal zu loben, Roger Köppel von der Weltwoche, hat sich dabei prompt übernommen und über einige Zeit bei einigen Lesern den Eindruck hinterlassen, seine Zeitung würde voll und ganz das Parteiprogramm der SVP vertreten. Dafür hat er Verachtung geerntet – kaum ein Journalist und kaum ein Politiker polarisieren die Deutschschweiz mehr als Köppel und Blocher. [...]
Nun gut, Köppel darf schreiben was er will, das ist gut so. Nur, es muss nicht alles gut sein, was Köppel schreibt. Wir glauben nicht unbedingt, dass Köppel einen echten Wandel durchgemacht hat, sondern seine Taktikänderung eher mit dem Zeitpunkt zusammenhängt, als die SVP-Erretter nach ihrem Bundesrats-Abwahldebakel ihre Tonart hörbar gemildert haben.
Jahre des Sarkasmus
Zurück zum Köppel-Editorial:
[...] Es ist ein Herbst der Ironien. Ausgerechnet die Zeitungen befeinden am heftigsten den Politiker, dem sie in den letzten zwei Jahrzehnten Auflagensteigerungen und ungezählte Schlagzeilen verdankten. Angesichts der Medienkrise müsste die Branche beten für einen Blocher im Bundesrat. Es wird nicht passieren. [...]
Wenn es ein Herbst der Ironien wäre, dann würde sich der “Bürger-Herold” beruhigt zurücklehnen. Nein, wir erleben Jahre des Sarkasmus, der dem Angriff dient und nicht der Belustigung. Aus dieser Sicht ist Christoph Blocher nur einer von vielen, der glaubt, nur sein Gedankengut in Verbindung mit Volks-Schmeicheleien seien Alpha und Omega.
Köppel entlarvt wider Willen die Medien, die es betrifft, und sich selbst. Auch Roger Köppel, im Boot der Medien sitzend, lebt von steigenden Auflagen und Inseraten, falls es sie noch gibt, und von Blocher-Schlagzeilen. Lediglich eine Frage des Vorzeichens! Insofern müsste auch Köppel mit dem Beten beginnen, vom täglichen Brot bis hin zu den täglichen Schlagzeilen, damit die Medien nicht sterben. Jedenfalls wissen wir jetzt, wem die Medien dienlich sind: pro und kontra Blocher als Mittel zum Zweck des verlegerischen Wohlergehens.