Stumpfer Sinn

27. Oktober 2008 · Von · Rubrik: Wirtschaft

Wenn Hans-Werner Sinn vom Münchner Ifo-Institut an anonyme Systemfehler glaubt, dann sollte er sich schleunigst auf den Weg machen, die Anonymität zu entlarven. Darum geht es, darum sind die Manager in die Kritik geraten.

Rundschlag des Wirtschaftsprofessors

Die gegenwärtige Finanzkrise scheint seltsame Blüten zu treiben. Und zwar an einer Stelle, die beim “Bürger-Herold” ohnehin auffällig ist. Offensichtlich scheint wegen der Finanzkrise der Druck derart gross zu sein, dass einige Zeitgenossen wie wild um sich schlagen. Ganz dick bringt es Hans-Werner Sinn, Chef vom Münchner Ifo-Institut, der glaubt, die Manager-Gilde verteidigen zu müssen. Auch wenn es Sinns Freiheit ist, andere zu verteidigen, so gibt es Momente, in denen der “Bürger-Herold” zuerst tief durchatmen muss. Klar und deutlich ist Hans-Werner Sinn im Tagesspiegel aus Berlin zu lesen:

[...] In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln. Schauen Sie sich den Straßenverkehr in Indien an. Die Leute fahren links, rechts, auf dem Bürgersteig, das ist abenteuerlich. Der Verkehr kommt deswegen immer wieder ins Stocken. Sind daran die „Manager“ an den Steuerrädern schuld oder fehlende Verkehrsregeln? [...]

Aufforderung zum Schweigen

Die Intelligenz des allwissenden Wirtschaftsprofessors Sinn schlägt mit voller Wucht zu. Und zwar setzt Sinn in einer einzigen Antwort auf die Frage, ob Manager Opfer seien, enorm viele Schlag- und Totschlagargumente ein. Eine Antwort, die für Sinn – natürlich nach den Reaktionen – bestens geeignet ist zu behaupten, die Leser hätten ihn missverstanden. Sündenböcke – anonyme Systemfehler – Manager – Antisemitismus Juden – Indien – Verkehrsregeln. Das alles ist in einer Antwort konzentriert, die bembelkandidat als Assoziationskette bezeichnet.

Was will Hans-Werner Sinn dem Volke mitteilen? Unsere einfachste Antwort darauf könnte lauten: Bürger, haltet die Schnauze! Sinn vermittelt jedoch mehr. Erstens vermittelt er wahllos zusammengesetzte Argumente. Und zweitens legt Sinn einen Zynismus an den Tag, den man nicht einfach als Ausrutscher deklarieren kann. Ist Hans-Werner-Sinn überhaupt noch ein Fachmann für wirtschaftliche Angelegenheiten, wenn er derartige Schlüsse zieht?

Worauf wartet Sinn?

Wenn Sinn an anonyme Systemfehler glaubt, dann sollte er schleunigst die Anonymität entlarven. Darum geht es, darum sind die Manager in die Kritik geraten. Menschen sind es, die sich das Wirtschaftssystem ausgedacht haben. Menschen sind es, die sich darin bewegen. Einige sind darunter, die Systemfehler – manchmal sogar schamlos – ausnützen. Solche Vorgänge zeugen davon, dass Systemfehler nur in wenigen Fällen anonym sind. Hinzukommen jene Fälle, die auf eine Durchschlüpfrigkeit des Systems beruhen – vorbei an Fehlern und Systematik. Auch dies kann System haben. Darüber schweigen? Definitiv nicht.

Manager und Juden
Mit Recht bezeichnet der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschschland Hans-Werner Sinns Vergleich von Managern und Juden als „empörend, absurd und absolut deplaziert, eine Beleidigung der Opfer”.
In Sinns Entschuldigung heisst es dann: “Ich habe das Schicksal der Juden nach 1933 in keiner Weise mit der heutigen Situation der Manager vergleichen wollen. Ein solcher Vergleich wäre absurd.” Die Entschuldigung wird man so stehen lassen müssen, als Geste, als Ausdruck des Bedauerns.
Wäre oder ist der Vergleich absurd? Jedenfalls hat Sinn den Vergleich gezogen, den er trotz Entschuldigung nicht ungeschehen machen kann. Manchmal kommt es dem “Bürger-Herold” so vor, als wenn man Testballons fliegen lässt und erst dann mit einer Entschuldigung aufwartet, wenn die Reaktionen zu stark sind.

Die Gefahr des Pauschalisierens ist gross und bestimmt kein gutes Zeichen. Dem “Bürger-Herold” scheint jedoch, dass Sinn den Versuch unternimmt, den Managern über den Begriff “anonymer Systemfehler” eine Opferrolle zukommen zukommen lassen will. Doch die führenden und geführten Manager, die es betrifft, sind Verantwortliche und Mitverantwortliche, also Täter und Mittäter. Keinesfalls sind diese Opfer. Klar, es gibt Systemfehler, manchmal solche, die man nicht kennt. Doch angesichts der heutigen Situation scheint die Systematik lediglich darin zu bestehen, sich hinter angebliche Systemfehler zu verstecken.

Kaschierung der Verantwortlichkeiten

Für den Vergleich von Managern und Juden hat sich Hans-Werner Sinn inzwischen entschuldigt (siehe Kasten), doch es bleibt die Kaschierung der Verantwortlichkeiten über seinen Begriff der “anonymen Systemfehler”. Regulierungen, wie sie Sinn angeblich schon immer gefordert hat, mögen bestimmt einiges bewirken. Aber der Vergleich mit dem Verkehrschaos in Indien und den dort fehlenden Verkehrsregeln hinkt gewaltig. Wieso Indien? In Europa kennen wir uns doch bestens mit den Verkehrsregeln aus. Dennoch haben wir die Raser, die Rücksichtslosen und jene, die sich nicht an Verkehrsregeln halten. Ist das im Finanzsystem anders? Nein!

“Viele verstehen nicht”, sagt Hans-Werner Sinn im Interview, “wo die Grenzlinie zwischen Markt und Staat liegen muss, und spielen sich jetzt auf”. Woher will Sinn wissen, wieviele “Viele” sind? Trotzdem spielt sich Sinn auf und pauschalisiert, sie verstünden nichts. Eine scharfe Grenzlinie existiert nicht, höchstenfalls ein Grenzbereich, der immer mit Zweifeln behaftet ist, wenn man sich darin bewegt. Im Finanzsektor ist das nicht anders. Es sind die Grenzbereiche zwischen Zulässigkeit und Unzulässigkeit, Ehrlichkeit und Unehrlichkeit, Ethik und Unethik, Rücksichtnahme und Rücksichtslosigkeit und nicht zuletzt zwischen Spielgewinn und -verlust.

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5 Kommentare
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  1. [...] und gestern sogar war es allein die VW-Aktie, die dem DAX einige Pluspunkte schenkte. Der Bürger-Herold schreibt in seinem lesenswerten Artikel “Stumpfer Sinn”:Wenn Sinn an anonyme Systemfehler glaubt, [...]

  2. An Anschauungsunterricht fehlt es nicht, wie mit der VW-Aktie, über die der Spiegel berichtet. Ein anderes Beispiel ist die Machenschaft mit den Krediten in Ungarn, auf die die taz hinweist.

  3. “Wäre oder ist der Vergleich absurd?”
    Gute Frage, denn der Vergleich ist ja historisch und ökonomisch völlig daneben, so, daß die aufgeworfene Frage nach einem “Testballon” (wie weit kann ich gehen) völlig berechtigt ist.

  4. [...] Sinn, Chef vom Ifo-Institut in München, erregte jüngst mit anonymen Systemfehlern Auf(sich)merksamkeit. Eine Definition hat Sinn zwar nicht abgeliefert, aber wie wäre es mit [...]

  5. [...] die Frage aus gelöst, was wohl in dessen Kopf getickt hat. Wir haben dazu bereits Stellung bezogen. Als wir den Spiegel-Bericht von heute gelesen und wahrgenommen haben, dass der [...]