Gescheitert – wie weiter?

25. Oktober 2008 · Von · Rubrik: Wirtschaft

Wirtschaften kann zum Spiel zwischen Glück, Risiken, Macht, Gier und dem Glauben werden, die Wirtschaft sei eine Maschine.

Glaube macht selig

Gemäss Joseph E. Stiglitz, Wirtschaftsprofessor an der New Yorker Columbia-Universität und Nobelptreisträger für Wirtschaft, bringe die Finanzkrise sicher das Ende des unkontrollierten und ungeregelten Kapitalismus, wie er in den USA verstanden worden sei. Das sagte Stiglitz in einem Interview mit Jürgen Schönstein, das man bei Geograffitico  nachlesen kann. Weiter sagt Stiglitz im Interview:

[...] Aber offenbar glauben sowieso nur noch der US-Finanzminister Hank Paulson und Präsident Bush an den Segen des ungebremsten Kapitalismus. Ich denke, man wird sich nun schneller von dem Washington Consensus verabschieden müssen, mit dem die Wirtschaftssysteme der Welt nach amerikanischem Muster geformt werden sollten. [...]

“Der freie Markt richtet es” ist ebenso verdächtig oft zu hören wie der vielbeschworene “freie Wettbewerb”. Doch wenn man genauer hinschaut, gibt es den freien Markt in Wirklichkeit nicht so richtig, weil an irgend einer Stelle der Staat seine Hände im Spiel hat (z. B. Subventions- oder Standortspolitik).

Gescheiterte Modelle

Ein Frage, die man aus dem Interview ziehen kann, ist die Frage, wie es jetzt weitergehen könne. Zügellose Marktfreiheit oder Staatswirtschaft? Beide Extrema sind im Prinzip gescheitert, wobei Ersteres zeitlich gesehen länger gedauert hat. Wenn Stiglitz von Kontrolle und Regulierung spricht, dann ist der “Bürger-Herold”, wenn der Staat diese Aufgaben übernimmt, ziemlich skeptisch, weil der Staat in der Regel auf der Seite der Wirtschaft steht. Für die Wege dazwischen gibt es genug Modelle. Doch was nützen die Modelle, wie die Soziale Marktwirtschaft, wenn sie entweder nicht gelebt bzw. systematisch  – wir denken da an die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) oder den gepredigten Neoliberalismus – ausgehöhlt werden:

[...] Die Welt hat es nicht gut gemeint mit dem Neoliberalismus – dieser Wundertüte an Konzepten, die auf der Vorstellung beruhen, dass die Märkte sich selbst regulieren, Ressourcen effizient verteilen und den Interessen der Öffentlichkeit dienen. [...],

schreibt Joseph E. Stiglitz in einem Gastkommentar der Financial Times Deutschland. Dieses Zitat enthält zwei wichtige Stichwörter, die Ressourcenverteilung und der Dienst im Interesse der Öffentlichkeit. Letzteres scheint uns am wichtigsten, weil die Öffentlichkeit (Konsumenten, Arbeitende, Kunden usw.) der einzig vernünftige Bezugspunkt ist, warum die Wirtschaft überhaupt einen Sinn macht.

Modellstrickmaschinen und Wolkenbilder

Dass die Wirtschaft im Dienste der Öffentlichkeit zu stehen hat und nicht die Öffentlichkeit im Dienste der Wirtschaft, müsste eigentlich klar sein. Aber es gibt nicht Wenige in der Wirtschaft, die glauben tatsächlich, die Öffentlichkeit stehe im Dienst der Wirtschaft und diene lediglich dazu, maximale Profite und höchste Renditen zu erbringen. Diese Wirtschaftsvertreter wissen zwar genau, dass sie diese Öffentlichkeit brauchen, nämlich als Profit- und Renditenlieferant, aber sonst ist für sie die Öffentlichkeit eher ein notwendiges “Übel”. Sie stricken sich Modelle zurecht und glauben fest daran, sie hätten ein Perpetuum Mobile erfunden.

Das vermeintliche Perpetuum Mobile mag zwar im Kleinen funktionieren, aber im Grossen versagt das Scale-up, d. h. die Hochrechnung auf den grossen Massstab vollständig. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass diese Hochrechnungen psychologische Angelegenheiten sind, gewissermassen Wolkenbilder. Wirtschaften kann nämlich zum Spiel zwischen Glück, Risiken, Macht, Gier und dem Glauben werden, die Wirtschaft sei eine Maschine. Das zeigt die Finanzkrise.

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