Ent-Schuld der Krieger
3. September 2008 · Von ulp · Rubrik: Politik, WeltkonflikteDer deutsche Verteidigungsminsiter Franz Josef Jung ruft öffentlich zum Schweigen auf.
Entschuldigung – Handschlag – Geld
Der deutscher Verteidigungsminister Franz Josef Jung tingelt gerade Sprüche klopfend durch Afghanistan, um die Gemüter zu beruhigen. Entschuldigung von Jung bei Afghanistans Präsidenten Hamid Karsai, in einer Agenturmeldung als “diplomatischer Kniefall” bezeichnet[1], Handschlag beim Stammesführer und eine angebliche Entschädigungszahlung[2] für die getöteten Zivilisten[3].
Wir kennen das doch aus dem normalen Leben. Geht einmal etwas schief, dann schreiten wir zur Entschuldigung. Entschuldigung ist ein Wort, das sich auf “Ent” und “Schuld” zusammensetzt, was man als Weg- oder Rücknahme einer Schuld deuten kann. Gut, eine Entschuldigung kann angebracht sein, wenn sie ehrlich gemeint ist. Aber genau genommen verfliegt die Schuld durch eine Entschuldigung nicht. Die Schuld bleibt, wie immer sie charakterisiert ist. Eine Entschuldigung ist kein Freispruch.
Jungs Mantras
Und so tingelt Jung durch Afghanistan und durch die Schlagzeilen, meint sogar im üblichen Mantra-Stil,
[...] die Lage in der Region sei “zur Zeit sehr angespannt”. Er sei “wirklich dankbar und auch ein Stück stolz” auf die Soldaten. [...]
Wem gegenüber Jung dankbar ist, hat der “Bürger-Herold” nicht herausgefunden. Und stolz auf die Soldaten ist er in Wirklichkeit auch nicht, nämlich nur “ein Stück”. Ob er mit den anderen Stücken seine Sorgen hat? Vermutlich schon, denn sonst würde er nicht zum verbalen Gegenschlag ausholen.
Jungs Gegenschlag in Worten ist im Prinzip ein Totschlagargument, wie es die Süddeutschen Zeitung zitiert:
[...] “Ich kann nur diejenigen in Deutschland dringend auffordern, Forderungen einzustellen, im Hinblick auf einen Rückzug aus Afghanistan, weil das diese Aktivitäten noch bestärkt und somit die Sicherheit unserer Soldaten eher gefährdet”, warnte der Minister. [...]
Ein starkes Stück
| Riesenverlogenheit |
|---|
| 4.9.2008 – Die gesamte Verlogenheit der Verantwortlichen für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist durchschaubar. Nicht nur dass die Verbündeten der USA in Afghanistan einen Krieg führen, sondern sie führen auch einen Krieg der Worte. |
| Wie in Ein ”Krieg” oder ein ”Krisenszenario”? nachzulesen ist, meint Franz Josef Jung, man befinde sich nicht im Krieg. Noch dreister der Ministeriumssprecher, Christian Dienst, der meint, es handele sich um ein Krisenszenario, in dem gekämpft werde. |
| Diese Verlogenheit und Wischiwaschi-Statements scheinen keine Grenzen zu kennen. |
Handelt es sich hier nicht um einen öffentlichen Aufruf, jegliche Debatte zu verhindern und damit das Thema generell zu verschweigen? Es ist ein öffentlicher Aufruf! Franz Josef Jung stellt zwischen Debatte und Gefährdung der Soldaten eine direkte Kausalität her. Damit scheint dieser Mann seine eigene Naivität noch übertreffen zu wollen. Es handelt sich um Krieg[4][5][6], bei dem jede Sicherheit von Soldaten und Zivilisten gefährdet ist.
Ganz bestimmt meint Jung mit dem Schweigeaufruf auch eine andere Gefährdung: jene der Kriegsmacher in der Befehlskette, der Politiker und sonstigen Schreibtischtätern, die Leben und Tod planen, die den Dreck anderen überlassen. Wir meinen nicht deren physische Gefährdung. Es ist die Gefahr, dass Debatten deren Masken noch mehr vom Gesicht herunterreissen, die da von “Nation-building” reden und “Krieg” meinen (siehe Kasten). Nein, Schweigen ist nicht Gold.
Fussnoten:
- Jung entschuldigt sich für tote Zivilisten
- Afghanistan: Entschädigung für getötete Zivilisten
- Tödlicher Vorfall mit Bundeswehr
- “Das Nervenkostüm unserer Soldaten ist angenagt”
- Der verlogene Krieg der Propagandisten
- “Wir befinden uns nicht im Krieg”