Gefährliche Gratwanderung
4. Juli 2008 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, Kultur, Pax EuropaBei manchen kommt Udo Ulfkottes so genannte Islam-Kritik an, obwohl es sich um Gratwanderungen handelt
Der grosse Wirbel
Die Geschichten und der Wirbel um den deutschen Abendlanderretter, Udo Ulfkotte, sind inzwischen derart inflationär, dass jede Zeile um seinen Namen – als öffentliche Person – fast überflüssig wird. Praktisch gesehen hat die Sache aber einen Haken: Erstens sind die Morddrohungen, über die er in seiner Version exklusiv berichtet, gegen ihn und sein Frau völlig inakzeptabel. Zweitens würden wir dies nicht einmal unserem ärgsten Feind wünschen. Und drittens geht es um wichtige Zusammenhänge.
Der private Ulfkotte interessiert uns nicht, wohl aber der öffentliche. Der öffentliche Ulfkotte – in gewissen Kreisen in der deutschen CDU oder in der Schweiz nicht unbeliebt – weiss sich geschickt in Szene zu setzen, wie sein persönliches Baby Bürgerbewegung Pax Europa zeigt. Angeblich soll es bei diesem Verein, der plakativ erklärt, er wolle einen Beobachterstatus bei der EU, OECD und Uno anstreben, sogar einen gewählten Vorstand haben, deren Namen allerdings im dunklen bleiben. Unbemerkt kreuzen sich die Kreise: Die “Bürgerbewegung Pax Europa” ist eine Fusion von Ulfkottes “Pax Europa” mit dem Bundesverband der Bürgerbewegungen. Welche Kreise sich in diesem Bundesverband vor der Fusion gekreuzt haben, wissen wir zur Zeit nicht.
Hin- und hergerissen
Bei manchen kommt Ulfkottes so genannte Islam-Kritik an, obwohl es sich um Gratwanderungen handelt: zwischen wahr und unwahr, bewiesen und unbewiesen, real und irreal, Kritik und Hetze und zwischen Mission und Selbstinszenierung. Auch sonst: Mal will er eine Partei gründen – daraus wird nichts. Vollmundige Ankündigung einer Demo in Brüssel – Fehlanzeige. Liebäugeln mit Rechtsaussen – dann Distanzierung. Grosse Willkommensworte bei “Politically Incorrect” – Uflkotte geht wieder. Wir denken, unsere Leser können selber entscheiden, ob der öffentliche Udo Ulfkotte zwischen Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit wandelt.
Man kennt ja das mit den Gerüchten: Etwas ist an der Sache dran, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Bei Udo Ulfkotte ist uns mehr als einmal aufgefallen, dass an seinen Ausführungen etwas dran ist, aber sich nicht so zugetragen hat. Beispiel von gestern, Udo Ulfkotte in seinem Sprachrohr, wo er als Vielschreiber bekannt ist:
[...] Unterdessen hat der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU, Wolfgang Bosbach (Foto rechts), die Familie Ulfkotte angerufen und seine Hilfe angeboten. [...]
Nur nebenbei: Bosbach ist nicht stellv. Vorsitzender der CDU/CSU sondern der CDU/CSU-Fraktion. Die Gegenstimme aus Berlin, die mit Bosbach telefoniert hat, lautet hingegen:
[...] Es hat ein privates Telefonat zwischen Herrn Bosbach und Herrn Ulfkotte auf Veranlassung des Herrn Ulfkotte gegeben. Dabei hat Herr Ulfkotte um Unterstützung gebeten und Herr Bosbach hat ihn neben den allfällligen Bekundungen des Mitgefühls an die Polizei verwiesen, die einfach zuständig ist. [...]
Was ist daran gefährlich?
Ulfkotte ist kein Einzelfall, der die Gabe der Selbstdarstellung besitzt. Primär ist allerdings die Art und Weise, wie selbsternannte Führerphantasten aufkreuzen und immer mit solchen Gratwanderungen Furore machen. Nicht ohne Grund, denn sie erhoffen sich Gefolgschaft. Wir fragen uns immer wieder, was an diesen Gratwanderungen gefährlich ist. Es sind die Impulse, die an Sachunkundige und Kritiklose gegeben werden, die im einfacheren Fall jubeln und unbesehen zustimmen. Im schlimmeren Falle trifft es Menschen, die derart initiiert werden, so dass sie vor Gewalt in Wort oder Tat nicht zurückschrecken. Als Bürger muss man schon aufpassen und Verdacht schöpfen, wenn selbstkonzentrierte Führer auftauchen und was diese unter Umständen auslösen können.
Die Versuchung ist gross, Ulfkottes Bedrohungslage als Selbstverschulden einzustufen. Das wäre ein Fehler. Aber es ist eine Frage von Veranwortungen. Wenn Ulfkotte mit seinem Rettertum – “Kampf gegen Eurabien” – Ungereimtheiten und Risiken eingehen will, so ist das seine Verantwortung. Wenn jemand auf Ulfkottes Rettertum mit Drohungen reagiert, so liegt die Verantwortungen bei diesen. Und zwischen diesen beiden Verantwortungen spielt sich Unkontrollierbares ab, das sich unter Umständen bis zur Eskalation hochschaukeln kann. Dazwischen fliegen auch die Worte hin und her, einmal weich wie Wasser und im nächsten Moment einschlagend wie Kanonenkugeln. Scherbenhaufen aus der Historie kenn wir genug.