Jonglieren mit Zahlen
22. April 2008 · Von ulp · Rubrik: Armut, PolitikDie Frankfurter Allgemeine Zeitung reicht kritiklos Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) weiter, die fünf Jahre alt sind.
| Christlich-soziale Wurzelbehandlung |
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| Die Christlich-Sozialen Deutschlands sind wieder mal aus dem Häuschen. Jedenfalls passt ihnen nicht, dass NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) langjährigen Renteneinzahlern mehr zugestehen will. CDUler Norbert Röttgen warf Rüttgers vor, die christlich-sozialen Wurzeln der CDU zu verlassen. 2003 gehörte zu den christlich-sozialen Wurzeln laut Parteiprogramm der CDU, wie die FAZ berichtet: |
| [...] Ziel der CDU ist, dass langjährig Versicherte, die immer vollzeitig beschäftigt waren, eine Rente mindestens 15 Prozent oberhalb der jeweils gültigen Sozialhilfe erhalten, die bedarfsabhängig und steuerfinanziert ausgestaltet wird. [...] |
| Vermutlich haben sie einen Wertwechsel durchgeführt: gestern so, heut so und morgen so. Ab zur Wurzelbehandlung! |
Stimmung anheizen
Etablierte Medien und die Medien-Trittbrettfahrer haben es relativ einfach, denn wenn ein bekanntes Wirtschaftsinstitut mit Zahlen herumjongliert, dann wird das schon stimmen. Wenn dann noch eine Schlagzeile aus Zitaten und Zahlen abzuleiten ist, um die Konfliktstimmung anzuheizen, um so besser.
Die gestrige Schlagzeile der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) passt gut ins Stimmungsbild: “Die Senioren haben mehr als die Jüngeren”. So redet Philip Plickert, der Autor, zu Beginn des Beitrags erst einmal um den heissen Brei herum und bemüht sich um stimmungsbildende Zitat, wie: “Rentenklau”, “Altersarmut ist eines der meistüberschätzten Phänomene der Gegenwart” oder “Die heutigen Rentner sind im Durchschnitt die reichsten Rentner, die dieses Land jemals gesehen hat”.
Ein verlässliches Bild?
Weiter heisst es im Beitrag:
[...] Ein verlässliches Bild der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland ergibt das vom DIW seit mehr als zwei Jahrzehnten untersuchte Sozioökonomische Panel (Soep), das auf einer Stichprobe von etwa 12.000 Haushalten beruht. [...]
Dann folgen jede Menge Zahlen, um einen Vergleich zwischen Rentnereinkommen mit anderen Bevölkerungsgruppen zu ziehen. Die Vorgehensweise ist nicht aussergewöhnlich, hat aber seine Tücken. Die FAZ reicht kritiklos Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) weiter, die fünf Jahre alt sind, also aus dem Jahre 2003 stammen. Heute schreiben wir das Jahr 2008.
Dass Statistiken der Zeit nachhinken, dürfte klar sein. Aber wenn diese Zahlen fünf Jahre alt sind und damit in der Gegenwart argumentiert wird, ist das für uns ein starkes Stück. Daraus können wir nur ableiten, solange keine neueren Zahlen vorliegen, dass es hier um die Masche geht, den Rentnern etwas in die Schuhe zu schieben (siehe auch Ideologische Kampfpose).
Ausblendungen
Die präsentierten Durchschnittszahlen weisen im vorliegenden Falle nur teilweise etwas aus. Beispielsweise blenden sie den Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland aus. Ein anderes Beispiel: Die Armutsrate, d. h. 60 Prozent oder weniger des Medianeinkommens der Gesamtbevölkerung ist eine statistische Schlüsselgrösse. Die FAZ bzw. das DIW nehmenauf diese Grösse Bezug. Nach unserem Kenntnisstand gehörten 2004 rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung zu diesem Bereich.
Die 60-Prozent-Grenze blendet jedoch aus, dass es eine 75-Prozent-Grenze gibt, mit der der Niedriglohnbereich (oder Niedrigeinkommen) beginnt. Zu dieser 75-Prozent-Gruppe gehörten im Jahre 2004 gut 20 Prozent der Gesamtbevölkerung an. Das ist kein kleiner Anteil. Zudem stellt sich hier die Frage, wer aus dieser 75-Prozent-Gruppe im Laufe der Entwicklung in Richtung 60 Prozent und darunter rutscht bzw. wer in Richtung 100 Prozent kommen kann.
Mit Spannweiten und Eindrücken in die Zukunft
Es kann sein, dass sich an den uns vorliegenden Zahlen wenig geändert hat. Dies ist kein Grund zum Jubeln, da dadurch keine einzige Zahl besser wird. Und ob sie sich im positiven Sinne geändert haben, weiss niemand. Doch was das DIW vollzieht, scheint uns sehr kurios. Das Institut argumentiert mit der Vergangenheit (fünf Jahre alte Zahlen), um mit alten Stichproben die Gegenwart zu beschreiben.
Man muss den FAZ-Beitrag schon bis zum Ende lesen, denn dann erfährt der Leser, wie laut FAZ der Verteilungsökonom Markus Grabka vom DIW die Vermögensverhältnisse heftig relativiert:
[...] „All diese Mittelwerte, das ist klar, verdecken, dass es eine große Spannweite gibt und bei weitem nicht jeder Rentner vermögend ist“, sagt Grabka. Dennoch geben die Zahlen einen Eindruck davon, dass sich die ältere Generation im Lauf eines langen Erwerbslebens einen erheblichen Wohlstand geschaffen hat, von dem sie im Ruhestand zehren kann. [...]
Aha, verdeckte grosse Spannweite, einen Eindruck vermitteln. So kann man es auch machen: Zuerst die angebliche “Wahrheit”, dann ein paar Krebsschritte zurück. Unserer Meinung nach trifft dies für die Einkommensverteilung auch zu. Schlimm daran ist nur, mit Spannweiten und Eindrücken eine Zukunft zu gestalten. Weiss jemand von unseren Lesern wie das geht?