Stürmisches Jahr

16. April 2008 · Von · Rubrik: Gesellschaft, Politik

Hurra, Hurra! Ursula von der Leyen ist von einer Baby-Trendwende überzeugt. Update am 19.4.2008.

Eine Wende in Sicht?

Wenn es nach der deutschen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) geht, dann muss das Jahr 2007 ein Jahr der stürmischen Herzen und neunmonatiger Folgeerscheinungen gewesen sein. Also macht die Familienministerin Propaganda in eigener Sache. Unverblümt lobt von der Leyen ihre eigene Politik und meint im Interview mit der Thüringer Allgemeinen:

[...] Ich bin davon überzeugt, dass die Geburtenrate für 2007 deutlich über 1,4 gestiegen ist. Das wäre der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Ich sehe da eine Trendwende [...]

geburtenrate.jpgGrafik: Entwicklung der Geburtenrate in Deutschland seit 1990 bis und mit 2006 (© ulp – Quelle: Destatis)

Allerdings fragt der Interviewer nicht nach von der Leyens Quellen der Erkenntnis. Wie immer scheut der “Bürger-Herold” keine Mühe und schaut in der Statistik nach: Dort liegen noch keine neuen Zahlen vor. Allerdings wissen wir nicht, wann das der Fall sein wird. Neue Zahlen werden voraussichtlich am 16. Mai 2008 veröffentlicht.

Theoretisch ist viel möglich

Theoretisch ist es natürlich möglich, dass die Geburtenrate drastisch – selbst auf den Wert von 1990 – angestiegen ist. Zum Beispiel dann, wenn weniger Frauen gleich oder viel mehr Kinder bekommen. Die Geburtenrate ist ein Quotient, also Anzahl Geburten geteilt durch Anzahl Frauen einer bestimmten Altersgruppe.

Bleiben wir kurz bei den absoluten Zahlen: Das Bundesamt für Statistik schätzt, dass die Zahl der lebend geborenen Kinder 2007 gegenüber dem Vorjahr voraussichtlich etwas gestiegen sei – etwa 680’000 bis 690’000 Geburten (2006: 673’000 Geburten). Dies ist keine drastische oder umwälzende Zahl.

Von der Leyens Schein trügt

Trotzdem ist von der Leyen von dem überzeugt, was sie nur vage weiss oder nicht verrät. Das muss sie ja, denn schliesslich wirbelt sie auf Propagandatrommel, um zu begründen, warum ihre Politik angeblich gut ist. Ins selbe Horn stösst auch die WiWo, wobei allerdings erhebliche Zweifel angebracht sind. Wenn die Zeitung von einer voraussichtlichen Geburtenrate von 1,47 Kindern pro Frau schreibt und behauptet, so hoch sei die Zahl seit zehn Jahren nicht mehr gewesen, dann ist daran etwas faul. In der Tat gab es vor zehn Jahren einen Höchstwert der Geburtenrate von 1,441. Dieser bezieht sich allerdings aufs frühere Bundesgebiet und nicht auf die gesamte Bundesrepublik.

Zum Verständnis: Die in der Grafik mit Linien verbundenen Punkte haben nichts mit einem Trend zu tun. Selbst dann nicht, wenn der Wert für das Jahr 2007 hinzukommt. Liegt er höher als 2007, hat auch dies noch nichts mit einem Trend zu tun. Den Trend müsste man erst noch berechnen. Was auch immer im Kopf von Ursula von der Leyen vorgeht, von einer “Trendwende” zu sprechen ist völlig falsch. Dennoch macht von der Leyens Trendwende-Glaube in den Medien die Runde – ohne einen Hauch der kritischen Hinterfragung.

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