Tell de La Mancha
5. April 2008 · Von ulp · Rubrik: Politik, SVP & Co.Wundenleckend, nach der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher, befindet sich die SVP gerade in einer neuen Propagandaphase.
Im eigenen Nebel
Ein mehr als praktisches Beispiel politischen Quer-(Rundum-)Schiessens liefert die Schweizerische Volkspartei (SVP) frei Haus, deren Vertreter nach wie vor daran glauben, sie seien die Erretter des helvetischen Morgenrots. Das Morgenrot in den Alpen ist wirklich schön, das Morgenrot der SVP ist eher eine eigene Nebelangelegenheit.
| Zum Nachprüfen |
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| Kleine Checkliste zum Thema Propaganda |
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Wunden leckend, nach der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher, befindet sich die SVP gerade in einer neuen Propagandaphase, um den Eidgenossen trickreich klar zu machen, dass die SVP Herr im Hause sein will. Beste Gelegenheit für Toni Brunner, Parteiführer-Newbie der SVP, zu zeigen was er gerne können möchte. Toni Brunner übt Parteilinie.
Wir blättern in der Basler Zeitung (BAZ). Laut Bericht jongliert Brunner mit einschlägigen Begriffen, wie “Säuberungsaktion”, “Anmassungen der Machtträger” oder “Rache und Ranküne”. Fehlanzeige, werte Leser, Brunner meint nicht die SVP-Granden. Sondern es müssen die Anderen sein.
Rede und Gegenrede gleichzeitig
Wir lesen in der BAZ weiter:
[...] Die Seilschaften in Regierung, Verwaltung und einer politisierten Justiz entzögen sich immer mehr der demokratischen Kontrolle durch das Volk, sagte er. Gleichzeitig tauchten regierungstreue Medien das ganze Land in eine einseitige Berichterstattung und würden so zu Komplizen der «Herrschenden».[...]
So weit die Darstellung wiederkehrender Mantras, was Brunner so alles meint. Uns schwant etwas, was bestens zu “Tell 2008″ passen könnte:
[...] Das Volk habe aber gemerkt, dass es höchste Zeit sei zur Gegenwehr, um «die Machtübernahme durch die politische Klasse» zu stoppen, sagte Brunner. [...]
Na ja, da schwebt dem Landwirt Toni Brunner aus der Ostschweiz tatsächlich vor, zunächst die “politische Klasse” zu stoppen. Danach nicht die Sintflut, sondern die neue politische Klasse der SVP. “Eine neue Ära sei ausgebrochen”, berichtet die Neue Zürcher Zeitung über Brunner. Schau’n wir mal, wenn Brunner beim Brunnen angelangt ist.
| Gekränkte Madonna |
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| Wenn man will, könnte man die derzeitige SVP-Show als Nachhakspiel einer gekränkten Madonna verstehen, einer alternden Diva, die die Welt nicht mehr versteht. Die SVP glaubte, mit den Nationalratswahlen dem Zenit näher zu kommen.Doch wenn man “vor der Wahl” und “nach der Wahl” betrachtet, sind es unserer Meinung nach Vor- und Nachspiele, die genau das Gegenteil zeigen. Gewissermassen ein Abstieg zum Abstieg bevor der Aufstieg begonnen hat.Die gross angekündigte SVP-Oppositionspolitik entpuppt sich bisher als eine Seifenblase. Und das Benehmen rund um den Vier-Stufen-Plan kann man durchaus als Selbstdemontage verstehen. Zudem ist Christoph Blocher nicht mehr Mittelpunkt in Bern. Allerdings wollen wir nicht den Tag vor dem Abend loben, denn den SVP-Wählern müsste noch Einiges dämmern. |
Der Wind der La Mancha
Toni Brunner als eifriger Wilhelm Tell de la Mancha. Schiller und Cervantes mögen uns verzeihen, aber die Gedanken sind schliesslich frei! Wenn wir uns obige Zeitungszitate und Begriffe durch den Kopf gehen lassen, könnte man glatt auf die Idee kommen, Brunners Rede – gegen Andere gerichtet – sei gleichzeitig eine Gegenrede, wie der Wind der La Mancha, auf die eigene Partei gerichtet. Rede und Gegenrede in einem – das kann nicht jeder.
Was die SVP zur Zeit praktiziert, ist eine auffällige windige Säuberungsaktion. Ihr Ziel ist und bleibt: Die legal gewählte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf muss weg. Voller “Nächstenliebe” gibt es dafür einen Vier-Stufen-Plan, den man, falls man es sich antun will, nachlesen kann.
Schweiz – eine chinesische Provinz?
Eveline Widmer-Schlumpf habe gegen die Interessen des Landes und der SVP gehandelt und das Ansehen der Partei geschädigt, so die SVP-Begründung laut Partei-Jargon. Weder das Eine noch das Andere stimmt, ausser die Schweiz wäre eine Provinz Chinas, in der alles so zu stimmen hat, wie es die Partei will. Nun, die Schweiz ist keine chinesische Provinz, aber es bleibt die Partei, die SVP übrig, die glaubt, sie könne die Wahrheiten vorgeben.
Mit SVP & Co. haben wir im letzten Jahr ein Dossier angelegt, das zeitlich verfolgt, mit wem es die Schweizer Demokratie zu tun hat. Es ist kein Ruhmes-, aber um so mehr ein beschämendes Kapitel, wie sich eine mehr Demokratie versprechende, jedoch undemokratisch handelnde Partei in Szene setzt. Höflich ausgedrückt: Die SVP erweist der Kultur keinen Dienst.
Zuspruch Gottes
Noch etwas zu Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Im heutigen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gibt er sich nicht (mehr) kämpferisch. Er erzählt viel über die Schweiz, wie dort alles anders sei und
[...] Misstrauen ist des Bürgers höchste Pflicht. [...]
Der “Bürger-Herold” kennt zwar einige höhere Pflichten, aber immerhin kann man sich den Satz gut merken, um der SVP gut auf die Finger zu schauen. Oh ja, der Wind der La Mancha. Er weht hin, wo er will. Ebenso kann Blocher glauben was er will. Einen hübschen Satz Blochers aus dem Interview haben wir noch zu bieten:
[...] Barth hat einmal im Vorwort eines seiner Römerbriefe etwas sehr Keckes getan. Er hat Glaube übersetzt mit „Zuspruch Gottes“. „Ich glaube“ würde dann heißen: „Ich habe den Zuspruch Gottes“ – das gilt für jeden. [...]
Ganz neu sind solche Äusserungen nicht, denn vor gut zwei Jahren, als Blocher Barths “Römerbriefe” zum sechsten Mal las, hat er sich in einem Interview ähnlich geäussert. Ob Blocher diesen Satz für sich in Anspruch nimmt,wissen wir allerdings nicht.