“Ursulita, die Fromme”
30. Januar 2008 · Von ulp · Rubrik: GesellschaftDie zunehmende Hilflosigkeit staatlicher und religiöser Instanzen ruft wieder nach Zensur und Verboten. Diesmal sind die “kleinen Ferkelchen” Schuld.
Kritisches Buch zur Religion: Ursula von der Leyen (CDU) fordert Indizierung ein (Quelle: Buchdeckel von Salomons Homepage)
Mit dem Moralvorzeigefinger
Zugegeben, das “Kinderbuch” Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel haben wir nicht gelesen und werden es wahrschenlich auch nicht tun. Deshalb können wir zum Inhaltlichen keine Stellung beziehen. Das haben andere bereits getan. Der Antisemitismusvorwurf steht im Raum, was kein aussergewöhnlicher Vorgang ist. Aber wenn staatliche Instanzen – nicht nur sie – ihre Hand im Spiel haben, werden wir im besonderen Masse aufmerksam.
Im vorliegenden Falle handelt es sich um die staatliche Instanz Ursula von der Leyen (CDU), Bundesupermutti und -familienministerin, die vom Neugeborenen angefangen bis hin zu Opas und Omas alles auf Trab bringen will – natürlich nach ihren pseudo-fundamentalen Vorstellungen. “Ursulita, die Fromme” ist deshalb eine Vorzeigemutti – links Kindchen und rechts Hundchen streichelnd -, weil sie einen Vorzeigefinger hat. Den braucht sie in Predigerpose als Moralvorzeigefinger.
| Indizierung verlangt |
|---|
| Zum aktuellen Thema schreibt das Börsenblatt des deutschen Buchhandels: |
| [...] Nach Angaben der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien wird die mündliche Verhandlung Anfang März stattfinden. Der Verlag und die Autoren wehren sich gegen die Vorwürfe des Ministeriums und sprechen von politischer Zensur: Der Indizierungsantrag sei ein durchsichtiger Versuch, Religionskritik aus den Kinderstuben zu verbannen. Man werde diesen “Anschlag auf die Meinungsfreiheit” nicht hinnehmen, heißt es. [...] |
Auffällige Vermischung
A propos Moralvorzeigefinger. Seit sechs oder sieben Jahren fällt uns auf, dass die verschiedensten Politiker, besonders christliche, religiöse Aspekte in politische Predigten einfliessen lassen. Zufällig ist dies nicht, weil sich gleichzeitig christliche Religionsvertreter vermehrt in politischen Geschäfte einmischen und den Politikern so einiges ins Ohr flüstern.
Nun gut, verbieten kann man es nicht, wenn wir etwas von der Meinunsgfreiheit halten wollen. Und dies ist die Krux: Jene christlichen Mitspieler nehmen die Meinungsfreiheit in Anspruch und bieten im Gegenzug Zensur und Verbot an, wenn ihnen etwas nicht passt. Tendenz nach unserer Einschätzung: zunehmend fundamentalistisch.
Geistiger Notstand ausgerufen
Was macht nun unsere holde “Ursulita, die Fromme”? Nachdem sie obiges Buch gelesen hat – vielleicht auch nicht -, ruft sie den geistigen Notstand aus und fordert Zensur. Das Buch sei in die Liste jugendgefährdender Medien aufzunehmen, so die Forderung des Leyen-Referats 504. Es sei geeignet, heisst es im Schreiben,
[...] die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einem eigenverantwortlichen Leben und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden: [...]
Was dem “Bürger-Herold” insbesonders auffällt, dass im Schreiben sehr schnell der Bogen zu einem möglichen Antisemitismus geschlagen wird. Da wir das Buch nicht gelesen haben, können wir es nicht nach diesen Kriterien beurteilen. Es gibt jede Menge Reaktionen, die den angeblichen Sachverhalt anders sehen, wie beispielsweise Der Misanthrop.
Kuschen ist nicht verboten
Für von der Leyen mag dies eine seltene Gelegenheit sein, sich mit dem Moralvorzeigefinger zu präsentieren. Doch am Thema geht sie vorbei, dabei hoffend, die Kusch-Kusch-Regel funktioniert. Dann wäre es ein vollendeter Skandal. Im Moment ist es ein Skandal in der Entstehungsphase. “Ursulita, die Fromme” denkt nicht, sie praktiziert Aktionismus. Ist das alles? Der “Bürger-Herold” hofft nicht, dass Kuschen nur noch das einzig Erlaubte ist, denn dann sind wir schnell einmal beim diktatorischen Ehrgeiz, der einigen Politikern vorschwebt.
Zensur und Verbote sind äusserste Mittel. Sie sind jedoch auch geliebte Mittel, wie manche Staaten praktizieren, damit jegliche Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, die nicht nur der Schönwetter-Kommunkation dient sondern auch dem unangenehmen Teil, wenn es Meinungsverschiedheiten gibt. Das sind unsere Chancen – für Ursula von der Leyen heisst diese Chance lediglich Zensur.
Gesellschaftlich ein Misserfolg
Wenn sich von der Leyen durchsetzt, dann kann sie das als persönlichen Erfolg verbuchen. Doch gesellschaftlich werten wir es als gravierenden Misserfolg. Darum, weil die Debatte ausgeblieben ist. Die Debatte ist nötig, um sich im Wust der Auffassungen zu orientieren. Zensur und Verbot, gepriesenes Heilmittel vieler Religionen und Politiker, sind deshalb extrem falsch.
Wenn Politiker, wie von der Leyen, Merkel, Stoiber, Oettinger u. v. a., unterstützt von religiösen Institutionen und obligaten Papstbesuchen, sich des religösen Zeigefingers bedienen, so ist dies mehr als happig. Weder die einen noch die anderen haben einen legalen Anspruch darauf, einem Volk – Kindern und Jugendlichen erst recht nicht – aufzudoktrinieren, “so habt ihr zu sein und nicht anders” – Verbote und Zensuren inklusive.
Keine blauen Wunder
Der “Bürger-Herold” würde niemanden empfehlen, sich von seiner Religion zu trennen. Das sind persönliche Entscheide mit ihren Konsequenzen. Wenn aber religiöse Gruppe mit Pauken und Trompeten durch die Gegend ziehen und Politiker bedient werden, d. h. zur Öffentlichkeit werden, um zu missionieren und keine anderen Meinungen zulassen, werden wir ein paar simple Fragen stellen:
Wie haben Religionen mit welcher Historie, mit welchem Anspruch und auf welcher Grundlage zum Zustand der heutigen Gesellschaften geführt? Wie und wo haben sich Religionen im Laufe ihrer Historie bis heute mit übelsten Mächten arrangiert? Es werden keine blauen Wunder sein, die man als Antworten findet, aber vielfach blutige.