Reichlicher Unsinn

6. Dezember 2007 · Von · Rubrik: Wirtschaft

Der erzielte Post-Mindestlohn sorgt für genug Gesprächsstoff, wie man in den Medien verfolgen kann.

Reichlich Unsinn

Im Rahmen der Mindestlohndebatte entsteht reichlicher Unsinn, wenn Leser den Argumentationen jener folgen, die vom Mindestlohn nichts wissen wollen. Sehr oft vernimmt man in diesem Zusammenhang das Schlagwort “ökonomische Gründe”.

Gegen öknomische Aspekte ist nichts einzuwenden, aber deren Betrachtung kann nur im Zusammenhang mit sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten erfolgen. Offensichtlich pfeift der Hauptgeschäftsführer des Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Martin Wansleben, darauf. Im Interview mit Deutschlandradio Kultur geht Wansleben mit dem Unsinn noch ein Stück weiter:

[...] All die Unternehmen, die sonst gegründet würden, werden jetzt gar nicht gegründet. Nehmen Sie mal den ganzen Telekommunikationsbereich. Damals, als die Telekom, also die Post, teilprivatisiert worden ist, was danach alles entstanden ist. Das sind ja Unternehmen, die mussten erst mühsam von unten nach oben kommen, hatten nicht die Auslastung, brauchten natürlich auch die Möglichkeit zu niedrigeren Löhnen. Also ich würde sagen, der volkswirtschaftliche Schaden wird durch diese Szenarien eher unterzeichnet als überzeichnet. [...]

Aufforderung zum Betrug

Aus Sicht des “Bürger-Herolds” ist dieser reichliche Unsinn fast eine Aufforderung zum Betrug. Betrug an der Gesellschaft und Betrug an ihrem sozialen Gefüge. Warum? Weil Arbeitgeber mit Bezahlungen unter dem Mindestlohn – sprich Hungelohn – ihr Geschäftsmodell auf schlechteste Bezahlung aufbauen. Im Prinzip lassen sich solche Unternehmen sogar alimentieren, weil sie die Solidargemeinschaft dieser Gesellschaft zur Kasse bitten, damit die Unterbezahlten überleben können.

Was haben solchen Firmen, müssen wir Wansleben entgegenschleudern, überhaupt auf dem Markt zu suchen, wenn sie mit solchen Modellen arbeiten wollen. Unter diesem Aspekt wäre jede Nicht-Neugründung sogar ein Betrug weniger.

Doppelt verantwortunglos

Es gibt Mitarbeiter, die sich zur Arbeit zum Hungerlohn hinreissen lassen (müssen). Der “Bürger-Herold” kann das nachvollziehen, denn Weniges – auch wenn es zum Überleben nicht reicht – ist immer noch mehr als nichts. Solche Mitarbeiter haben fast keine Wahl. Und dieser Umstand ist es, der solche Mitarbeiter erpressbar und im gewissen Sinne abhängige macht. Wenn wir jetzt nochmals auf den Begriff Betrug zurückkommen, so handelt es sich um Betrug an Abhängigen.

Firmen, die so handeln, sind in zweifacher Hinsicht verantwortungslos. Erstens, weil sie nicht einmal den Lohn bezahlen wollen, der den Mitarbeitern ein anständiges Leben sichert. Und weil sie zweitens ihr Geschäftsmodell auf Hungerlöhne aufbauen.

Sinnentleerte Wirtschaft

Der Mindestlohn ist ein Ausschnitt des Wirtschaftslebens, denn schliesslich bezahlen nicht alle Unternehmen Löhne, von denen man nicht leben kann. Aber man darf getrost einmal eine extremere Überlegung machen, nicht zuletzt deswegen, weil der internationale Konkurrenzkampf extremer wird.

Was passiert mit einer Gesellschaft, in der die Anzahl der Unternehmen steigt – sagen wir mal eine Entwicklungsfolge von 5, 10, 20, 50, 70% von 100% -, die mit Hungerlöhnen Erfolg haben wollen? Wir haben keine Antwort, aber wir sind sicher, dass bei irgend einem Prozentsatz die Gesellschaft zusammenklappt. Ein solcher Zusammenbruch kann sehr viel bedeuten. Dem “Bürger-Herold” scheint, dass sich in Deutschland mehr und mehr ein Wirtschaftsextremismus breit macht, eine sinnentleerte Wirtschaft.

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Ein Kommentar
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  1. [...] Ein Kommentar unsererseits erübrigt sich, weil wir in “Kalt erwischt?” und Reichlicher Unsinn das Wesentliche geschrieben [...]