Gestörtes Jubelritual
29. November 2007 · Von ulp · Rubrik: GesellschaftOffensichtlich funktioniert der Pisa-Jubel nicht so richtig. Das Jubel-Ritual ist empfindlich gestört – zumindest bei so genannten Bildungspolitikern.
Seltsame Antwort
Den deutschen Bildungspolitikern bleibt im Hals stecken, weil die neusten Pisa-Resultate, über die wir gestern kurz geschrieben haben, mit den älteren nicht vergleichbar sind. Laut Welt schrieb die Sprecherin der CDU/CSU-geführten Kultusminister, Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU), in einer eiligen Pressemeldung vom 29.11.2007:
[...] Wenn das OECD-Konsortium diejenigen mit hohen Konventionalstrafen bedroht, die vorab Informationen herausgeben, und dann ein OECD-Vertreter selbst mit Aussagen vorab an die Öffentlichkeit geht, ist das ein einmaliger Vorgang. Andreas Schleicher muss deshalb von seinen Aufgaben bei der OECD entbunden werden [...]
Eine konstruktive Antwort ist dies nicht, zumals einige Resultate vor der Sperrfrist (“Magisnet”, Spanien) publik wurden. Wenn schon Resultate vorab bekannt werden, dann ist Andreas Schleichers Kommentar zur Nichtvergleichbarkeit durchaus angebracht. Ob die Aussage richtig ist, wäre dann zu prüfen.
Nichtssagender Aktionismus
Wir können die Sache auch anders betrachten. In der Annahme, Schleicher hätte nichts gesagt und man würde der Argumentation von Karin Wolff folgen (die Dame mit dem Kreationismus im Biologieunterricht), dann wäre auch ein Jubel vor der Sperrfrist nicht angesagt. Schweigen wäre dann besser.
Der Bildungspolitikerin geht es also garnicht um die Argumente, sondern um das gestörte Jubelritual. Statt herauszufinden, ob die neuen Ergebnisse vergleichbar sind oder nicht und aus welchen Gründen, stürzen sich die Politiker in nichtssagendem Redeschwall und Aktionismus, vermischt mit ideologischen Vorwürfen. Karin Wolff darf es sich ruhig hinter die Ohren schreiben: Wenn es ein Erfolg für deutsche Schüler ist, dann ist es ein persönlicher Erfolg der Schüler und nicht der Erfolg wichtigtuerischer Politiker oder Parteien.
Unterschiedliche Schwerpunkte sind bekannt
Der “Bürger-Herold” hat sich bei den Pisa-Organisatoren die Broschüre Pisa – die internationale Schullleistungsstudie der OECD angeschaut. Sie stammt vom April 2007. Darin heisst es:
[...] Verteilung der Bildungschancen zu gewährleisten. Bei den ersten drei PISA-Erhebungen lag der Schwerpunkt jeweils auf einem bestimmten Grundbildungsbereich: Lesekompetenz (2000), Mathematik (2003) und Naturwissenschaften (2006). Im Rahmen des Projekts wird nun ein zweiter Erhebungszyklus in den Jahren 2009, 2012 und 2015 durchgeführt. [...]
Nichtvergleichbarkeit ist naheliegend
Grafik: Schwerpunkte der Pisa-Studien in den Jahren 2000, 2003 und 2006 (Pisa/OECD)
Erstens ist anhand der Broschüre zumindest seit Monaten bekannt, dass es sich bei den bisher drei Studien um drei verschiedene Schwerpunkte handelt. Wenn drei verschiedene Schwerpunkte im Visier stehen, dann ist zweitens davon auszugehen, dass die Studien aus methodischen Gründen nicht vollumfänglich vergleichbar sind. Insofern hat Schleicher lediglich das gesagt, was bekannt ist.
Dazu laut Süddeutsche Zeitung die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer:
[...] Und auch bei der Pisa-Untersuchung könne man nicht ohne weiteres von Leistungsverbesserungen ausgehen. Die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Tests von 2006 und 2003 seien in keiner Weise vergleichbar, weil sich inzwischen das gesamte Aufgabenspektrum verändert habe. Demmer dazu: “Man muss sich hüten, hier Äpfel mit Birnen zu vergleichen.” [...]
Skepsis ist angebracht
Es geht nicht darum, Schülern jedwelchen Erfolg streitig zu machen. Es geht um das Wischiwaschi der Politiker, die mit ihrem vorauseilenden Jubel etwas vorgaukeln wollen. Darum ist aus Gründen der Sachlichkeit Skepsis – die Zeit nennt es “Zweifelhaften Fortschritt” – angebracht. Mit der Schwerpunktsbildung 2006 ist auch erklärlich, warum einige Länder im Vergleich zu 2003 Riesensprünge nach vorne bzw. zurück gemacht haben.
Noch ein dritter Punkt. Gerade deutsche Bildungspolitiker waren es, die Änderungen an der Studie verlangten und die auch berücksichtigt wurden. Das kann auch seine Haken haben. Denn man kann Tests so weit trimmen, bis ein gewünschtes Resultat zustande kommt. Das heisst, es bleibt nichts anderes übrig, als den nächsten Pisa-Zyklus abzuwarten. Aber auch dann heisst es noch nicht sehr viel. Denn gute Schüler von heute, obwohl das Potenzial besteht, sind noch lange kein Garant, dass sie die Guten von Morgen sind.
[...] Pisa-Studien haben noch einen anderen unerwarteten Nebeneffekt. Was für Schüler gedacht, entpuppt sich [...]