Relationen im Auge behalten
28. November 2007 · Von ulp · Rubrik: Gesellschaft, WirtschaftVon so genannten Rankings (Ranglisten) hält der “Bürger-Herold” normalerweise nicht sehr viel.
“Nur” auf Platz X?
Wir wollen nicht abstreiten, dass Ranglisten gewisse Hinweise geben, beispielsweise wo sich ein Land im Vergleich zu anderen Ländern befindet. Neuste Rangliste ist der Human development index (v. d. Red. extrahiert) auf Seite 229 aus dem gesamten Human Development Report 2007/2008 (12 MB), in dem die Schweiz nach Island (Nr. 1) “nur” Platz 7 belegt und Deutschland “nur” Platz 22. Demnach wäre Island höher entwickelt als die Schweiz, und die Schweiz höher entwickelt als die Bundesrepublik usw.
Die Frage von Politik macht Spass!,
[...] Können oder wollen wir das nicht besser? [...],
ist eine verwegene Frage, weil sie bestimmte Relation aus den Augen verliert. Beispiel: Würde man nur die ersten 22 Plätze betrachten, dann liegt Deutschland – welch eine Schmach – auf dem letzten Platz. Eine andere Schmach: Betrachtet man nur die ersten sieben Platze, dann wäre die Schweiz das Schlusslicht. Doch wenn man alle 177 Plätze gesamthaft betrachtet (Sierra Leone Platz 177), dann sieht die Sache schon anders aus.
Noch eine Bemerkung zum Gesamtreport. Die ersten zwei Drittel des Gesamtreports beschäftigen sich mit der Umwelt. Hingegen stürzen sich die Medien mehrheitlich auf die Rangliste, um ein Trauerlied anzustimmen, warum wir nicht besser sind. Wer übrigens an Einzelheiten interessiert ist und eigene, nicht von Mainstream-Medien stammende Schlüsse ziehen will, dem seien die Tabellen bei Human Development Report empfohlen.
Kein Anlass zu Freudensprüngen
Die uns vorliegenden Daten des gesamten Spektrums haben nichts mit einer Natürlichkeit zu tun. Es ist für uns kein Anlass, nationale Freudensprünge auszuführen, denn uns kommen ganz andere Sachen in den Sinn. Die Spreizung hat viele Ursachen: geografische, Bodenschätze, Wirtschaftssysteme, politische Systeme und nicht zuletzt auch religiöse Würzen.
In unseren Augen hat es auch mit dem Willen zu tun, warum das Land X auf Platz Y liegt: Wer will, dass Armut und Unbildung bleiben müssen, wer raubt vom wem die Bodenschätze, wer unterdrückt wen, wer führt gegen wen Kriege durch? Viele Fragen also, warum eine solche Liste so und nicht anders aussieht. Für uns ist die Liste eine Liste von Paradies und Hölle, wobei wir nicht in der Lage sind, an welchem Platz der 177 die Grenze zwischen Paradies und Hölle zu ziehen ist.
Schweizer Kampagne in Afrika
A propos Paradies: Pickings macht auf eine Negativ-Image-Kampagne in Afrika aufmerksam, durchgeführt von der Schweiz und der EU, um afrikanische Menschen von Europa abzuhalten. Ein entsprechender TV-Spot soll angeblich mit dem Slogan “Leaving is not always living” während des Fussballländerspiels Nigeria-Schweiz gesendet worden sein. Dem ölreichen Nigeria, das in der Rangliste auf Platz 158 liegt, einen solchen Spruch an den Kopf zu werfen, ist reichlicher Zynismus. Zum TV-Spot soll das Bundesamt für Migration in Bern Anfang des Jahres gesagt haben:
[...] In Afrika gebe es “ein großes Emigrationspotential”, deshalb solle aufgezeigt werden, “dass hier nicht das Paradies ist”. [...]
Hochoffiziell heisst es heute vom schweizerischen Bundesamt für Migration:
[...] Um auf diese Gefahren und negativen Folgen der illegalen Migration hinzuweisen, startete die das Bundesamt für Migration zu Beginn des Jahres 2006 Informationskampagnen in Kamerun und Nigeria. Die Informationsveranstaltungen, gerade auch auf lokaler Ebene, fanden reges Interesse. Inzwischen beteiligt sich auch die Europäische Union an dem schweizerischen Pilotprojekt. [...]
Ergänzung 29.11.07: Siehe auch den Telepolis-Beitrag “Anti-Heidi”.