Schublade auf, Schublade zu
29. Oktober 2007 · Von ulp · Rubrik: KulturSymbolisch schicken wir die Maria aus der Predigt von Kardinal Meisner raus, um punktuell zu ein paar Kernen der Predigt zu gelangen.
Das Schwert des Kardinals
Das empörte Theater des deutschen Grünen Volker Beck, der den Kölner Kardinal Meisner als “Hassprediger” bezeichnete, haben wir zugegebenermassen nur am Rande verfolgt. Hauptsächlich deswegen, weil wir die Predigt des Kardinals, die er in Einsiedeln (Schweiz) gehalten hat, nicht auftreiben konnten. Jetzt kommt sie uns ins Haus geflattert – via der katholischen Nachrichtenagentur Zenit, wer immer auch dahinter steckt.
Mal langsam, wir versuchen die Befindlichkeiten von Volker Beck und das, was Meisner gepredigt hat, auseinanderzuhalten. Wir konzentrieren uns auf die Predigt – sie ist katholisch-religiös bedingt, wobei die Maria für Katholiken eine besondere Glaubensbedeutung hat. Symbolisch schicken wir die Maria aus der Predigt raus, um punktuell zu ein paar Kernen der Predigt zu gelangen. Und in dieser Beziehung wundern wir uns dann, welche Menschenbilder der Kardinal pflegt und wie sein Urteilsschwert niederfährt:
[...] Der Mensch ist eins, weil er eine Person ist. Aber durch die Sünde ist er gespalten und auseinander gefallen: Er erfährt sich oft nur noch als Triebbündel, als zerfahren, als atomisiert. Er ist in seiner Persönlichkeit gespalten. Das diagnostizieren die Psychologen mit dem Wort „Schizophrenie”. [...],
so Meisner unter 3.
“Sünder” sind gespalten
Wir denken, Meisner lehnt sich da äusserst gewagt aus dem Fenster. Der Kardinal erklärt den “Sünder” zum Gespaltenen, zum Schizophrenen, der sich als Triebbündel, zerfahren und atomisiert erfahre.
Ein sehr eigenartiges Menschen- und Weltbild, mit dem Meiser durch die Gegend rennt. Oder anders gesagt: Der Kardinal klassifiziert die Menschen, die Menschheit in zwei Teile – einerseits die Wahren ohne “Sünde” und andererseits die Unwahren mit “Sünden”, aber die sind ja schizophren. Ein gefährliches Terrain, aus dem schnell “wert” und “unwert” entsteht.
Unwahr und verderblich
Unter 5. wandert Joachim Meisner weiter, öffnet die Klassifizierungsschublade, steckt die Unwahren hinein – Schublade zu:
[...] Der Mensch aber macht oft sein eigenes Dasein unwahr, wenn er das Schöpfungsgedächtnis verliert. Wenn er zum Beispiel meint, dass Mann und Frau nicht aufeinander bezogen sind, damit sie in der Ehe zur Familie werden. Alle so genannten alternativen Modelle des menschlichen sexuellen Zusammenlebens sind aber unwahr und darum für den Menschen im Kern verderblich. Die Menschheit richtet sich hier selbst zugrunde. [...]
Nein, hier spricht keine Lebenserfahrung, sondern eine Doktrin: Wer nicht dem katholischen Modell von Ehe und Familie entspricht, muss mit einem alternativen Modell unwahr und verderblich sein. So einfach ist Meisners Menschenbildrechnung – Rechenfehler eingeschlossen.
Volker Beck ist im Zusammenhang, was wir schreiben, völlig uninteressant. Uns geht es darum zu zeigen, wie die katholischen Glaubensherren sich zum Herrscher von Wahr und Unwahr machen, von Toleranz predigen und am Ende beim Schubladendenken stehen bleiben. Den Rest der Predigt ersparen wir uns, ausser dass er denkt, wenn Miss Amerika oder Miss Europa durch die Medien tingeln (vorletzter Abschnitt der Predigt).
Herr Meisner war in Berlin schon nicht zu ertragen. In Köln wurde er zu der Geißel der Kölner schlechthin. Es macht keinen Sinn den Mann zu analysieren, sofern man nicht bereit ist, ihn einzuweisen und langfristig zu behandeln.
Sein Weltbild und das seines Chefs Ratzinger sind schizophren.
Hallo Jochen, mir geht es auch nicht darum, Meisner und ähnliche Exemplare zu analysieren. Obwohl das noch spannend wäre. Wichtig zu analysieren ist, was bei diesen Leuten aus dem Kopf heraus kommt und was andere dann gefälligst zu glauben oder zu vertreten haben.
dogmatik ist jeder religion inne, ohne sie wäre es ja letztlich keine, doch auch in der dogmatik gibt es freiräume.
denn entweder beschränkt sich diese auf wesentliche kernsätze des jeweiligen glaubens und ist bereit, sich in “weicheren” bereichen der geschichtlichen weiterentwicklung der menschheit zu stellen und diese zuzulassen, oder aber die dogmatik verharrt auf z.b. mittelalterlichen, allumfassenden anmaßungen und ignoriert, daß wir im 21. jahrhundert leben. so gesehen ist meisner ein zurückgebliebener, ein mittelalterlicher realitätsverweigerer, der aber leider in exponierter position gläubige hirne mit verrosteten inquisitionsnägeln vollstopfen kann.
@bembelkandidat
Das stimmt, Dogmatik steckt in jeder Religion, aber Du weisst ja, wie das ist: Menschen sind es, die die Dogmen erfinden, manche davon abschaffen und manche neu heranschaffen.