Kinderlos gleich Trittbrettfahrer

18. Oktober 2007 · Von · Rubrik: Gesellschaft

Kinderquantität und -qualität, Teilreprivatisierung des sozialisierten Sicherungsnutzens von Kindern – das sind nur ein paar Stichwörter aus dem Repertoire der Verökonomiserung.

Noch ein ökonomischer Missionar

Nicht selten liest der “Bürger-Herold” den Anfang und das Ende eines Beitrags, um abzuschätzen, ob das Beitragsthema für uns im Moment relevant ist bzw. wir den Beitrag ganz lesen wollen. Heute sind wir auf den Beitrag “Gegen kinderlose Trittbrettfahrer” gestossen, ein Interview in Telepolis mit dem Volkswirtschaftler Gunter Steinmann. Lesenswert? Ja, allerdings nicht wegen erhoffter neuer Erkenntnisse, sondern vielmehr wegen der Denkweise.

In der Schlussantwort des Interviews sagt Steinmann:

[...] Wenn Sie mein Konzept mit dem Argument abqualifizieren, dass es Kinder zum Eigentum ihrer Eltern mache, dann entgegne ich auf der gleichen Argumentationslinie und bezeichne das gegenwärtige Alterssicherungssystem als ein System, das Kinder zum Eigentum der Rentenversicherung und fremder Rentner macht. [...]

Eine erstaunliche Antwort auf die Kritik der Interviewerin, ob mit Steinmanns Modell “Kinder tendenziell wieder mehr zum ‘Eigentum’ oder zur ‘Verfügungsmasse’ ihrer Eltern würden”. Jetzt müssen wir nur noch wissen, worin Steinmanns Modell besteht.

Private Kinderrente

Gunter Steinmann macht sich wie manche andere Zeitgenossen Sorgen um den deutschen Bevölkerungsschwund. Wenn wir es richtig verstehen, wagt sich Steinmann mit einem zweiteiligen Alterssicherungssystem an Stelle des bestehenden hervor.

Das ist auf der einen Seite ein niedriger ausfallendes gesetzliches Rentensystem für alle, unabhängig von der Kinderzahl. Der zweite Teil der Rentenversicherung soll aus einer Familienrentenversicherung bestehen – auf Anzahl Kinder bezogen. Steinmann nennt Letzteres “private Kinderrente”, aus deren Beiträgen der zweite Teil der Rente der Kinderhabenden finanziert werden soll.

Erste und zweite Klasse

Wenn man diesem folgt, dann würden unserer Interpretation zufolge Rentner erster und zweiter Klasse entstehen – die erste Klasse bekommt mehr, weil sie Kinder haben, die zweite Klasse bekommt weniger. Für die zweite Klasse hat Gunter Steinmann eine verblüffende Begründung:

[...] Die Anpassung der individuellen Rationalität an die kollektive Rationalität kann jedoch nur gelingen, wenn der Sicherungsnutzen teilweise wieder an das Vorhandensein eigener Kinder gebunden und das “Trittbrettfahrerverhalten” Kinderloser auf Kosten der Familien bei der Alterssicherung eingeschränkt wird. [...]

Kinderlose, wenn man diesem Zitat folgt, werden kurzerhand zu Trittbrettfahrern gestempelt. Wenn wir jetzt nochmals auf das erstgenannte Zitat zurückgreifen, dann hat die Interviewerin mit ihrer Kriritk den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur: Gunter Steinmann hat die Kritik entweder nicht verstanden oder ist ihr aus dem Weg gegangen.

Rentable und unrentable Rentner

Wenn Steinmann vom “Sicherungsnutzen” spricht, dann wiederspiegelt dies seine Denkweise: die ökonomische. Und dies ist die Denkweise der Ökonomen, die sich vom Menschen weitestgehend verabschiedet haben. Steinmann, der Volkswirtschaftler ist, setzt auf bevölkerungsökonomische Grundlagen und behauptet:

[...] Das Modell einer privaten Kinderrente schafft also Anreize für eine höhere Zahl von Kindern, die höhere “Kinderquantität”, und setzt darüber hinaus Anreize für eine bessere Bildung bzw. Ausbildung der Kinder, die höhere “Kinderqualität”. [...]

Kinderquantität und -qualität, Teilreprivatisierung des sozialisierten Sicherungsnutzens von Kindern – das sind nur ein paar Stichwörter aus Steinmanns Repertoire der Verökonomiserung. Kinderlose Rentner rentieren nicht, muss man daraus ableiten, Kinderhabende hingegen schon, jedoch in erster Linie indem der (Teil)Privatisierungsmarkt rentiert.

Der “Bürger-Herold” wundert sich nicht, denn Gunter Steinmann gehört immerhin zu den Unterzeichnern des Hamburger Apells, der öffentlich für weitreichende Einschnitte bei den Sozialsystemen aufruft. Dazu kommt uns nur das Stichwort “INSM” in den Sinn, aber das wollen wir uns heute nicht antun.

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