Der stolze Alcalde

30. August 2007 · Von · Rubrik: Gesellschaft, Politik

Wenn Bürgermeister Gotthard Deuse aus Mügeln (D) seinen Ort verteidigen will, dann kann man das noch verstehen. Doch wie er etwas verteidigt, weist höchstens auf Reflexe hin.

Bürgermeister der Reflexe

Mögen Sie sich noch an Peppone – die Filmfigur in “Don Camillo und Peppone” – erinnern? Peppone war der bürgermeisterliche Gegenpart von Don Camillo – schlagfertig und links. Neuerlich macht ein deutscher Alcalde (Bürgermeister) von sich Reden. Dieser steht weder links noch ist er schlagfertig: Gotthard Deuse (FDP), Bürgermeister der ostdeutschen Kleinstadt Müglen, die wegen Menschenjagd in die Schlagzeilen geraten ist.

Deuse und kein Ende? Wenn Deuse seinen Ort verteidigen will, dann kann man das noch verstehen. Doch wie er etwas verteidigt, weist höchstens auf Reflexe hin. Ein Zeichen, dass der Alcalde nichts Konstruktives zu sagen hat. Daher ist zu vermuten, dass Deuse die Flucht nach vorne wagt, die Flucht ins Interview mit der rechts-strammen “Jungen Freiheit”, in dem er seine Reflexe ans Volk bringen kann.

Gewagter Bogen

Bei einer simplen Frage, ob er auch auf deutsche Opfer besucht habe, heisst Deuses Antwort:

[...] Die waren da schon wieder entlassen. Sonst hätte ich das selbstverständlich auch getan. Aber ich verstehe, was Sie meinen. Ich kann diese Verklemmung bei uns Deutschen selbst nicht verstehen. Ich bin Jahrgang 1948 und habe mit dem braunen Terror von damals nichts zu tun, [...] Ich zum Beispiel bin stolz darauf, Deutscher zu sein, aber wenn ich das sage, lande ich ja schon wieder in der Ecke. [...]

An dieser Antwort kann der Leser den Reflex Deuses sehr gut nachvollziehen, wenn er zur Frage in der Antwort andere Dinge fast zwangshaft nachschiebt – ein gewagter Bogen vom “braunen Terror” zum “stolzen Deutschen”. Aus unserer Sicht kann jeder stolz sein auf was er will. Aber nur so lange, wenn dieser Stolz nicht “über alles” steht, sich ihm nicht alles unterordnen muss und er keinerlei Opfer fordert.

Bürgermeister in der Falle

Deuses Jahrgang (1948) – und jetzt wird es heikel – ist im Prinzip unwichtig, obwohl das Geburtsjahr 1948 kein Beweis ist, nichts mit dem “braunen Terror” von damals zu tun zu haben. Der “Bürger-Herold” unterstellt ihm das auch nicht. Nur: Die gesamte Diskussion geht nicht um den “braunen Terror” von damals, sondern darum, wer und wie jemand mit dem rechten Terror von Heute zu tun hat bzw. wie man heute damit umgeht.

Halten wir fest: Entweder ist der Alcalde naiv oder er gesellt sich mit jenen, wo er meint verstanden zu werden. Der Alcalde und die “Junge Freiheit”? Dazu Politik macht Spass:

[...] Dass Deuse ausgerechnet der Jungen Freiheit Rede und Antwort stand, ist übrigens auch alles andere als ein Zufall. [...]

Mal schauen, wie Gotthard Deuse aus der Falle kommen will, in der er sitzt.

“Kampf gegen Rechts” – eine Übertreibung?

Wir greifen nochmals auf das Interview zurück, zu einer Frage, zu der sich Gotthard Deuse nicht äussern will. Vielleicht hat Deuse auch genug von seinem Schmäh, den er erzählt. Die Frage lautet:

[...] Bei aller Übertreibung des „Kampfes gegen Rechts“ ist rechtsextreme Gewalt – ebenso, wie die von links – durchaus ein existierendes Problem. Woher kommt es? [...]

Die “Junge Freiheit” suggeriert tatsächlich eine “Übertreibung des Kampfes gegen Rechts”. Daraus kann der Leser nur folgern, dass der zum Teil halbherzige Kampf gegen Rechts bereits als Übertreibung betrachtet wird. Das ist schon sehr nachdenkenswert. Nachdenkenswert auch darum, weil der Bürgermeister zur Frage nichts zu sagen hat, aber am Anfang des Interviews jede Menge zu berichten weiss, als ob er mitten in der Menschenjagd gestanden wäre.

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